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Samstag, 14. März 2026

*Familiensache* von Claire Lynch - erschienen im Penguin Verlag

 

*Werbung, unbezahlt*

INHALT/KLAPPENTEXT: Ein Haus, einen Ehemann, ein Baby: Eigentlich hat Dawn alles, was man sich im England der 1980er-Jahre wünschen sollte. Doch dann lernt sie Hazel kennen und beginnt zu ahnen, welches andere Leben möglich wäre. Plötzlich ist alles viel heller – und komplizierter. Denn Dawn hat Verpflichtungen: Dawn hat ihre kleine Tochter Maggie. Jahrzehnte später ist Dawn für Maggie nur eine schattenhafte Erinnerung. Ihr Vater Heron hat sie allein großgezogen, die beiden sind ein Herz und eine Seele. Als Heron eine Diagnose erhält, die sein Leben völlig auf den Kopf stellt, erzählt er Maggie zunächst nichts davon. Denn über unbequeme Wahrheiten hat er schon immer lieber geschwiegen – so wie über das, was 1982 passiert ist …

In ebenso zarte wie sprachmächtige Prosa gegossen und mit warmherzigen Figuren gespickt, stellt Claire Lynch in Familiensache die Frage, was eine Familie ausmacht und wie die Wunden der Vergangenheit heilen können.


Claire Lynch promovierte an der Universität Oxford und lehrte Englische und Irische Literatur an verschiedenen Universitäten. Sie ist regelmäßig in Podcasts zu den Themen Elternschaft und Queerpolitik zu Gast und hat ein Memoir über ihre eigenen Erfahrungen mit queerer Mutterschaft geschrieben. Sie lebt mit ihrer Frau und ihren drei Töchtern in Windsor. »Familiensache« ist ihr Debütroman.

Meine Meinung zum Buch:

Kennt ihr diese Bücher, die einen erst ganz sanft in eine Familiengeschichte ziehen und dann mit voller Wucht erschüttern? Genau so erging es mir mit dem neuen Roman von Claire Lynch.


Die Geschichte ist wie ein komplexes Puzzle aufgebaut und springt meisterhaft zwischen zwei Zeitebenen: dem England der 1980er Jahre und der Gegenwart (2022/2023).

Im Zentrum stehen Heron und Dawn. Sie heiraten jung, wie es damals üblich war, und führen eine scheinbar glückliche Ehe, gekrönt von ihrer Tochter Maggie, die der Lebensmittelpunkt beider Eltern ist. Doch die Idylle zerbricht, als Dawn sich in die junge Lehrerin Hazel verliebt.

Was als leidenschaftliche Affäre beginnt, führt Dawn zu einer schmerzhaften Erkenntnis: Es gibt ein anderes Leben für sie. Sie möchte sich in Freundschaft trennen, hofft auf ein friedliches Co-Parenting – doch sie hat die Rechnung ohne den verletzten Stolz ihres Mannes und das gnadenlose Rechtssystem der 80er gemacht.


Besonders schockierend ist die Rolle der Behörden. Basierend auf der damaligen Überzeugung, eine lesbische Mutter sei schädlich für die Kindesentwicklung, wird Dawn systematisch aus dem Leben ihrer Tochter gestrichen.

 Gekränkt und überzeugt, das Richtige zu tun, forciert Heron eine radikale Trennung.

 Maggie wächst ohne ihre „Mummy“ auf und erhält nie eine ehrliche Antwort auf ihre Fragen.

Erst 40 Jahre später, als ihr Vater schwer erkrankt, entdeckt Maggie in alten Akten das ungeheuerliche Ausmaß der damaligen Kontaktsperre – und macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter.

Mein Fazit

Obwohl die Geschichte fiktiv ist, spürt man auf jeder Seite die tiefe Recherche der Autorin. Claire Lynch lässt die Erfahrungen vieler queerer Mütter einfließen, die ähnliche Diskriminierungen erleben mussten. Die Szenen vor Gericht, in denen Dawn wegen ihrer Sexualität regelrecht vorgeführt wird, sind kaum zu ertragen – vor allem mit dem Wissen, dass diese Praktiken noch gar nicht so lange zurückliegen.

Ein tiefgründiger, schmerzhafter, aber unglaublich wichtiger Roman über das Recht auf Liebe und die späte Suche nach der Wahrheit.


Fünf Sterne !



Mittwoch, 16. Oktober 2024

*Die Schwarzgeherin* von Regina Denk - erschienen im Droemer Verlag

 

*Werbung, unbezahlt*

Verlagslink

Erschienen am 2.9.2024

INHALT/KLAPPENTEXT: Ein abgelegenes Tal in den Tiroler Alpen, Ende des 19. Jahrhunderts. Das entbehrungsreiche Leben in ihrem von Aufklärung und Fortschritt vergessenen Dorf hat die 18-jährige Theres hart werden lassen – aber auch mutig, stolz und stark.

Als der mysteriöse Xaver im Tal auftaucht, verliebt sich Theres in den Fremden, den alle anderen bald für einen Wilddieb halten. In einer Gewitternacht wollen die Bauern dem Wilderer eine Falle stellen, doch der Vermummte entkommt schwer verletzt. Am nächsten Tag ist auch Xaver spurlos verschwunden. Außer sich verkündet Theres, Xavers Kind unter dem Herzen zu tragen, und flüchtet in die wilde Einsamkeit der Hochalpen. Dort will sie ihre uneheliche Tochter in Freiheit großziehen und von dem leben, was ihr die Berge schenken.

Ihr Leben verbringt sie zusammen mit ihrer Tochter in der Heimat, die sie nie ganz aufnimmt, aber auch nicht loslässt, bis ihr Wunsch nach Freiheit, Selbstbestimmtheit und Liebe nicht nur ihr Leben in Gefahr bringt ...

Regina Denk wurde 1981 an der bayerisch-österreichischen Grenze geboren. Die Liebe zu ihrer Heimat wurde ihr, zusammen mit der Leidenschaft für Geschichten, in die Wiege gelegt. Das Schreiben und die Berge begleiten sie schon ihr Leben lang. Vom Literaturstudium in München, bis ans andere Ende der Welt und wieder zurück in die Heimat, wo sie heute lebt - ein Bein in Bayern, das andere in Österreich. Unter dem Pseudonym Fanny König hat sie sich bisher dem bayerischen Krimi-Humor verschrieben. Nun wagt sie mit "Die Schwarzgeherin" einen dramatischen, düsteren Ton, bei dem man bis zur letzten Seite den Atem anhält.


Mein Leseeindruck zum Buch: 

Wir reisen in eine alpine Bergwelt und finden uns wieder  im 19. Jahrhundert, mitten in den Bergen Tirols. Das abgelegene Tal ist schwer und nur unter Mühen  zu erreichen. Die Talbewohner verlassen ihre Dörfer selten, sind fleissige Bergbauern, die hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Alles ist von der Gnade und dem Wohlwollen des Herrgott und seiner heiligen Kirche abhängig. Es gibt strenge Regeln in dieser abgeschiedenen gläubigen Gemeinschaft , denen sich Männer und vor allem Frauen und Kinder fügen müssen. Es ist eine absolut patriarchisch geprägte Welt. 

In dieser fast fromm zu nennenden Umgebung wächst die junge Theres auf. Ihre Mutter stammt aus dem *Italienischen* , gibt ihr und allen früh verstorbenen Geschwistern viel Liebe und  Herzensgüte mit auf den Lebensweg.  Auch sie verstirbt und Theres steht plötzlich mit neun Jahren dem Haushalt des Lachermeyer Hofes vor. Theres widersetzt sich von klein auf vielen gängigen Ritualen auf dem Hof wie zum Beispiel dem Brauch des Tötens neugeborener Kätzchen, ist entsetzt über diese grausamen Handlungen des Vaters. Sie lernt schnell, dass es oft sinnvoll ist, kleine, wertvolle Geheimnisse für sich zu bewahren und dem harten, schweigsamen Vater nicht zu vertrauen. Ihr einziger Freund und Gefährte ist der gleichaltrige Leopold vom Xantner Hof. Die beiden Kinder sind unzertrennliche Freunde und eine spätere Heirat erscheint beiden Familien als sinnvoll und normal. Doch die aufkeimende Liebe und Leidenschaft  der erwachsenen Theres, entgegen allen Widerständen der misstrauischen Dorfbevölkerung und ihrer Familie zum mysteriösen Xaver Kargl bringt alle Planungen durcheinander,,,,

Der Schreibstil von Regina Denk erscheint sofort  durch den leicht bayrisch/österreichisch angehauchten, geschriebenen Dialekt als etwas ganz Besonderes und erinnert atmosphärisch an in den Bergen spielende Heimatromane. Er ist aber für jede*en zu verstehen und man braucht deswegen vor den fast vierhundert Seiten keine Scheu oder Bedenken zu haben. Alles ist prima zu lesen und vor allem gut verständlich und als moderner Heimatroman zu sehen, der gedanklich in unsere heutige Zeit passt. Man lernt in verschiedenen Kapiteln und Zeiten das Kind Theres kennen, die junge neunzehnjährige Theres, die achtunddreißigjährige *Schwarzgeherin Theres* sowie ihre junge Tochter Maria, achtzehn Jahre alt. Denn die Bezeichnung *Schwarzgeherin* bedeutet, dass sie eine *Wilderin*  und *Kräuterfrau* ist, die sich freiwillig außerhalb der dörflichen Gemeinschaft gestellt hat und oben auf dem Berg in einer Hütte abgeschieden und unter einfachsten Bedingungen lebt. Von den einfachen und abergläubischen Talbewohnern wird sie oft bei Krankheit und Kindbett Problemen zu Rate gezogen, oft mit den heimlichen Gedanken dabei, dass sie vielleicht doch eine Hex* sei. Wie nun die Wandlung von einem jungen, unschuldigem Kind zu einer Hex* und/oder *Schwarzgeherin* verlief, zeichnet Regina Denk treffend und empathisch in dieser sehr spannenden und dramatischen Lebensgeschichte auf. 

Dieser Roman ist ein Plädoyer für die Selbstbestimmung und Freiheit der Frauen und stellt sich gegen die vorherrschende patriarchaische Welt der Männer, die damals , wie auch heute leider immer noch oft gegeben war/ist. In den Kapiteln *Zwischenspiel* beschreibt die Autorin die freiheitliche Lebensspanne eines Adlerpärchen, welches sein Leben lang bis zum Tod des Partners beisammen bleibt.

Zitat Seite 382: "Eine jede muss sich fügen in dieses Leben, weil ihr gar nix anderes übrig bleibt, weil es einem die Mutter schon beibringt, dass man heiratet und Kinder kriegt und  folgt, damit man dazugehört, damit die Kinder dazugehören. Dass man gehorcht und das man still ist, dass man wegschaut, wenn der Mann sich nicht benehmen kann, dass man dableibt, selbst wenn er einen haut... du bist nicht die Einzige, die gern frei wär, Theres, aber es kann nicht eine jede einfach davonlaufen, die meisten, die müssen bleiben und es aushalten, die meisten, die sind erst frei, wenn es vorbei ist."Und die Schwarzgeherin spürte die Wahrheit in den Worten der anderen Frau, und anstelle von Wut empfand sie plötzlich fürchterlich trauriges Mitleid mit  ihr und  mit sich selbst und mit allen anderen Töchtern, Ehefrauen, Müttern, die von dieser Unmöglichkeit des Freiseins betroffen waren. Waren sie am Ende nicht alle gleich? " 

Dieser Roman ist eine absolute Leseempfehlung und ein Lesehighlight , dem ich sehr gerne FÜNF ***** Sterne gebe. 

Herzlichen Dank an die Autorin und den Droemer Verlag für die Zusendung des gebundenen Rezensionsexemplar.  


 

Montag, 14. Oktober 2024

*Sing, wilder Vogel, sing - von Jaqueline O'Mahony - erschienen im Diogenes Verlag

 *Werbung, unbezahlt*                 

Verlagslink

Erschienen am 25.9.2024

INHALT/KLAPPENTEXT: 

Aus dem irischen Englisch von pociao und Roberto de Hollanda

Die junge Honora war schon immer eine Außenseiterin in ihrem Dorf an der irischen Westküste. Es ist das Jahr 1849. Als die Hungersnot ihre Gemeinschaft mit brutaler Wucht trifft, schöpft sie genau aus ihrem Anderssein die Kraft zu überleben. Nachdem sie alles verloren hat, bricht sie auf nach Amerika, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Honora gibt nicht auf, ehe sie ihre Freiheit findet – und jemanden, der sie als das erkennt, was sie ist.

Jacqueline O’Mahony, geboren 1972 in Cork, Irland, begann schon früh zu schreiben und wurde mit 14 Jahren von der Zeitung ›Irish Examiner‹ als »Young Irish Writer of the Year« ausgezeichnet. Nach Studienjahren in Irland, Italien und den USA hat sie als Stylistin und Journalistin für ›Vogue‹ und andere Medien gearbeitet und 2015 an der City University ihren Master in Creative Writing absolviert. Sie wurde bereits für diverse Preise nominiert und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in London.

Mein Leseeindruck zum Buch:

Wir begleiten den Lebensweg einer irischen Frau im 19. Jahrhundert während der grossen Hungersnot, die das Land in den Grundfesten seiner Existenz erschütterte. Eine Million Menschen starben und zwei Millionen Menschen verliessen die grüne Insel und wanderten aus in die ganze Welt. Beliebte Ziele waren die USA und Australien. Diese Katastrophe bildet den Hintergrund für den Lebensweg der fiktiven Honora im Roman oder auch Nell, wie sie sich später in den USA nennt. 

Grosse Hungersnot in Irland


Die junge Honora hatte im irischen Doolough keinen guten Start ins Leben. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt und ein Rotkehlchen flog in das Haus, was nach altem irischen Wissen Unglück über das Kind und seine Familie bringen würde. Ihr Vater lehnte das Kind aus diesen Gründen ab und Honorar wuchs allein gelassen von ihrer dörflichen Umwelt wild und ungebunden auf. Der Wald und die Natur  waren ihre Spielplätze und liebsten Aufenthaltsorte - nur die alte Kräuterfrau Alice hielt ein wenig Kontakt zu dem Kind. Sie wuchs zu einer selbständigen und sehr schönen jungen Frau heran und heiratete William. Während der grossen Hungersnot verstarb auch er und das gemeinsame Kind.  Den Verlust des Kindes hat Honora nie verwunden und verarbeitet.  Die fiktive Honora überlebt den historisch verbürgten  Marsch der Dorfbewohner von Doolough nach Louisburg, den die englischstämmigen  Grundeigentümer erzwungen hatten. Vierhundert Menschen verstarben, gestrandet an einem See im Nirgendwo. Niemand überlebte. Honora schmuggelte sich mit der Hilfe von anderen Auswanderern auf ein Schiff und reiste nach Amerika um dort der Hungersnot zu entfliehen und ihr Glück zu finden. 


Honora's starker Wille , ihre unabhängige Persönlichkeit und  ihre gedankliche Welt hat die Autorin perfekt den Leser*innen nahe gebracht. Ihre Ausbeutung als Dienstmädchen und leichtes Mädchen in einem Bordell hat Honora tapfer und mit viel Kraft durchgestanden bis ein Kunde sie heiraten möchte. Er nimmt sie mit in die Weiten der Prärie. Dort geht es ihr gut und doch fühlt sich Honora immer wieder gefangen und unglücklich in ihren Beziehungen zu den sie umgebenden Menschen. Sie sehnt sich nach Freiheit in wilder Natur und Unabhängigkeit von rechtlichen Zwängen und Regeln einer  Gemeinschaft.  Alles verändert sich sich für sie als sie den indigenen Joseph kennenlernt. Sein persönliches Schicksal von Vertreibung , Flucht, Hungersnot ist ihrem nicht unähnlich.  

Diese Verbundenheit von zwei so unterschiedlichen Leben und Individuen auf verschiedenen Kontinenten so klar und einleuchtend darzustellen, ist der Autorin perfekt gelungen. Dieses Buch und der lebendige, anschaulich bunte, flüssige und spannende Schreibstil der jungen irischen Autorin hat mich völlig in seinen Bann gezogen, so dass ich das Buch nach wenigen Tagen beenden konnte  - und es hat noch lange in mir nachgehallt und meine Empfindungen und Gefühle mit neuen Eindrücken beeinflusst, da ich Irland als Reiseland sehr liebe und gut kenne. 

Dieser aufregende Roman ist eine absolute Leseempfehlung mit FÜNF ***** Sternen!


Herzlichen Dank an die Autorin und den Diogenes Verlag für die Zusendung des Print-Rezensionsexemplar. 

 



 


Mittwoch, 25. September 2024

*Billie* von Stefan Cordes - erschienen im C.Bertelsmann Verlag

 

*unbezahlte Werbung*

Verlagslink

Erschienen am 21.8.24

INHALT/KLAPPENTEXT: »Alles war in mir, die Angst, die Wut, der glühende Wunsch zu kämpfen. Nicht mit Säbeln und Pistolen, aber mit meiner Stimme, die ich lernte wie ein Schwert zu führen, und wie ein Herz, das nicht erkaltete im Winter des Krieges …« Es herrscht Krieg in Pommern. Im Haus des Bürgermeisters Schwarz in Greifswald nisten sich Wallensteins Männer ein, nichts ist vor ihnen sicher, schon gar nicht die drei heranwachsenden Töchter. Billie, die Jüngste, die aufbegehrt, die Bildung einfordert wie ihre Brüder, Billie, die Ungezügelte, die Rebellin: Sie kämpft mit der Feder, schreibt Gedichte gegen den Hass, der ihr als Frau entgegenschlägt, aber auch wundervolle Sonette über ihre Liebe zu einer Frau. Die Poesie ist ihr Weg, sich dem Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, der Perfidie der Hexenverfolgung und der Unterdrückung der Frauen entgegenzustellen.

Eine unangepasste Frau im 17. Jahrhundert: Das kurze Leben der Barockdichterin Sybilla Schwarz, genannt: Billie.

Barockdichterin Sibylla Schwarz

Autor: Stefan Cordes wurde 1969 in Brüssel geboren, studierte Publizistik, Kunstgeschichte und Philosophie und hat viele Jahre als Formatentwickler, Creative Director und Produzent für das Fernsehen gearbeitet. Er hat drei Kinder und lebt in Köln. BILLIE ist sein erster Roman.

Meine Meinung: Der Autor entführt uns in die versunkene Welt zu Beginn des dreissigjährigen Krieges in Europa. Katholiken und Protestanten bekämpfen sich erbittert. Die Bevölkerung versinkt im Elend. Der Krieg, die Hungersnöte und Krankheiten dezimieren die Menschen aller beteiligten Länder. 

Die vierzehnjährige Sibylla Schwarz, zärtlich Billie genannt, jüngste Tochter des Bürgermeister Schwarz, wächst sorglos und behütet von der Familie mit ihren fünf Geschwistern in einem wohlhabenden Bürgerhaus in Greifswald auf. Sie ist ein besonders aufgewecktes Mädchen, hat sich das Lesen selber beigebracht und streift am liebsten durch die grosse Bibliothek ihres Vaters, wo sie die damals bekannte Weltliteratur kennen und lieben lernt. Ihr grösster und ungewöhnlicher Wunsch für diese Zeit ist es auch eine Dichterin zu werden. Und dieses Ziel erreicht sie unter grossen Anstrengungen in ihrer kurzen Lebenszeit. Viele Steine werden ihr von der Familie, der frauenfeindlichen städtischen Greifswalder Bevölkerung, sowie den Kriegswirren der damaligen Zeit in den Weg gelegt.  Sie meistert tapfer alle Schwierigkeiten und Probleme. Der dreissigjährige Krieg erreicht auch Billies Elternhaus. Es wird von feindlichen Truppen eingenommen und besetzt. Der Vater flüchtet, lässt Frau, Kinder und Gesinde rücksichtslos im Haus zurück.  Zu jung verstirbt Billie mit siebzehn Jahren an der Ruhr und konnte so ihr begnadetes Talent nicht weiter entwickeln. 

Dieser historische Roman hat mich sehr begeistert, da der Autor Stefan Cordes einer willensstarken Frau der damaligen Zeit eine junge, moderne Stimme gegeben hat, ihrer ausdrucksstarken Dichtung durch diesen lebendigen Roman neue Aufmerksamkeit schenkt. Anschaulich und sehr bunt wird das Alltags Leben, speziell auch auf  Frauen ausgerichtet, in einem Bürgerhaus mit Mägden, Köchinnen und Hauslehrern dargestellt. Auch Billie muss in der Küche helfen , putzen, die Haustiere in den Stallgebäuden versorgen. Immer unterstützt von der jungen Magd Ide. Und doch findet sie immer wieder Zeit sich in die Bibliothek zum Lesen und Dichten zurückzuziehen. Die Liebe und Zuneigung zu ihrer neu gewonnenen Freundin Judith Tanck beflügelt sie und lässt sie herrliche und poetische Prosa schreiben. Durch die moderne Übersetzung des Autors kommen auch die Leser*innen in den Genuss dieser schönen Zeilen, die im Text oft von ihm eingestreut wurden. Stefan Cordes hat die frische und rebellische Persönlichkeit von Sybilla Schwarz gut erfasst und vermittelt durch diesen schönen,  fantastischen, sehr gut verfassten Roman ein wunderbares Bild der jungen Frau in ihrer Lebenszeit. 

Meine Bewertung:  Für mich ein Lesehighlight, dem ich gerne FÜNF ***** Sterne gebe. 

Herzlichen Dank an den Autor und die Penguin Random House Verlagsgruppe für die Zusendung des gebundenen Rezensionsexemplar.  


Samstag, 24. August 2024

*Genau so, wie es immer war* von Claire Lombardo - erschienen im dtv -Verlag

 

*Werbung, unbezahlt*

ISBN : 978-3-423-28417-2

Erscheinungsdatum: 15.08.2024 

1. Auflage

720 Seiten

Format : 12,8 x 21,0 cm

Sprache: Deutsch, Übersetzung: Aus dem Englischen von Sylvia Spatz

Verlagslink

INHALT/KLAPPENTEXT: Manchmal kann Julia Ames es gar nicht fassen, was für ein unwahrscheinlich schönes Leben sie führt. Mit Mark hat sie seit Jahrzehnten einen liebenden Ehemann an ihrer Seite, zusammen haben sie zwei Kinder in die Welt gesetzt, auf die sie stolzer nicht sein könnte. Doch Glück ist nur ein vorübergehender Zustand, wie Julia schnell feststellen muss – Familie bleibt einem hingegen ein Leben lang erhalten.

Sohn Ben schockiert seine Eltern bei einem Besuch mit einer folgenschweren Nachricht. Tochter Alma ist kurz davor, aufs College zu gehen, was eine ungewohnte Angst vor dem leeren Nest in Julia weckt. Und beim Einkaufen trifft Julia zufällig auf eine Frau, die sie seit fast 20 Jahren nicht mehr gesehen hat – einst war die mütterliche Freundin ihre Rettung, bevor sie einer Katastrophe den Weg ebnete. Gefangen zwischen ihrer bewegten Vergangenheit und der chaotischen Gegenwart verliert Julia zunehmend die Kontrolle.

Claire Lombardo, 1989 geboren in Oak Park, Illinois, arbeitete als Sozialarbeiterin und PR-Agentin, bevor sie am renommierten Iowa Writers' Workshop studierte. Ihr Debütroman ›Der größte Spaß, den wir je hatten‹ war ein New York Times-Bestseller, wurde für den Women's Prize for Fiction nominiert und in ein Dutzend Sprachen übersetzt. Sie lebt in Iowa City.

Meine Meinung zum Buch: 

Die siebenhundert Seiten dieses Romans haben meinen Lesefleiss - und Fluss ganz schön gefordert. Ich bin der jungen Julia und der gereiften  Ehefrau und Mutter der späten Jahre  in vielen Rückblicken auf ihr Leben mit ihren für mich oft zwiespältigen  und unverständlichen Gefühlen und Gedanken interessiert begegnet. 

Beim Lesen des Klappentextes vermutet man nicht diese kühle und komplizierte, oft zerbrochene, toxische,  ja sogar fast bösartige Persönlichkeit von Julia Ames, deren Charakter  Claire Lombardi mit viel psychologischem Fingerspitzengefühl für die Leser*in erschaffen hat. Fünfhundert Seiten erklären zwar viele Handlungen und Gegebenheiten aus dem Leben und der Ehe der Julia aus Jugendzeiten und Alter, doch es war in meinen Augen einfach zu langatmig beschrieben. Immer wieder versinkt die Protagonistin  in Selbstmitleid, jammert laufend über die kalte Beziehung zu ihrer alkoholkranken Mutter. Sie verknüpft und entschuldigt zu viele ihrer in meinen Augen merkwürdigen Entscheidungen und mentalen Empfindungen mit den Erlebnissen aus der toxischen Beziehung zur Mutter. 

Die letzten zweihundert Seiten hätten nach meinem persönlichem Empfinden an den Anfang der Erzählung gehört und so diese umfangreichen und umständlichen Erklärungen und Suchen nach Gründen für bestimmte Verhaltensweisen in fünfhundert Seiten ein schnelleres und klareres Ende bereiten können. Der Roman hat zwar eine unterhaltende und flüssige Erzählweise , aber er ist einfach zu lang. Die Autorin hat sich aus meiner Sicht zu sehr in den psychologischen Erklärungen von Julias Verhalten verloren. 

Depression und Schuld haben Julias Leben geprägt und auch die Leser*in in diese unglückliche Spirale hineingerissen. Das Aufflackern der immer wiederkehrenden mütterlichen Liebe und Zuneigung zu ihren Kindern und Ehemann Mark kann diesen Aspekt im Roman kaum heilen. Leider. Denn das Familienleben kann schön, erfüllend und auch im Alter noch befriedigend sein, trotz aller Widrigkeiten mit Familienangehörigen und der eigenen Psyche.  

Meine Bewertung: DREI *** gute Sterne für diese zu lange Ausführung eines komplizierten Frauen - und Familienleben.  

Vielen herzlichen Dank an die Autorin und den dtv-Verlag für die schnelle Zusendung des gebundenen Rezensionsexemplar. 

 


Sonntag, 11. August 2024

*Bleib* von Adeline Dieudonné - erschienen im dtv - Verlag

 

*unbezahlte Werbung*

Verlagslink

ISBN : 978-3-423-28394-6

Erscheinungsdatum: 13.06.2024 

1. Auflage

256 Seiten

Format : 11,8 x 19,5 cm

INHALT/KLAPPENTEXT: Eine Frau und ihr Geliebter verbringen das Wochenende in einem Chalet in den französischen Alpen. Doch mit einem Mal ist er tot. Außer sich vor Schmerz bleibt die Erzählerin mit seinem Körper zurück. In den Tagen, die folgen, weicht sie ihm nicht von der Seite. Schläft bei ihm, spricht mit ihm, fährt mit ihm auf dem Rücksitz durch die Berge. Und sie beginnt, seiner Ehefrau zu schreiben. In den Briefen erzählt sie die Geschichte einer großen Liebe – und die Geschichte einer Frau, die lernt, selbstbestimmt zu leben.

Adeline Dieudonné, geboren 1982, lebt mit ihren Töchtern in Brüssel. Nach mehreren preisgekrönten Erzählungen und einem erfolgreichen One-Woman-Theaterstück entwickelte sich ihr Romandebüt ›Das wirkliche Leben‹ zu einem großen internationalen Bestseller. Sie wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, ihre Bücher in über zwanzig Sprachen übersetzt. Seitdem erschienen bei dtv der Text ›Bonobo Moussaka‹ sowie der Roman ›23 Uhr 12‹.

MEIN LESEEINDRUCK: Eine grosse Liebe zwischen zwei Menschen wird jäh durch den Tod des Geliebten getrennt und endet plötzlich und unerwartet. Die zurückbleibende Frau ist ausser sich vor Kummer und will sich mit dem Tod ihres Geliebten nicht abfinden. Er ist verheiratet und die Erzählerin der packenden Geschichte vertraut der Ehefrau des Geliebten ihre bislang geheim gehaltene Affäre in einer Art Briefroman an. Sie wechselt in ihren Briefen laufend zwischen ihren  eigenen Erinnerungen und der aktuellen Realität.

Die Autorin hat mit ihrer fesselnden Erzählweise einen packenden und fast fiktiv erscheinenden Roman erschaffen, der mich das Gruseln, aber auch die Annahme des Todes eines geliebten Menschen gelehrt hat. 

Unglaublich und geschickt auf die fast krank erscheinende Psyche der Erzählerin eingehend, sowie ihre Verschleierungstaktiken gegenüber ihrer realen Umwelt bin ich der Autorin fassungslos  gefolgt und konnte kaum glauben, dass eine Frau so mit einem Leichnam umgehen könnte. Das erscheint mir sehr unwahrscheinlich und gibt dem Roman einen grossen Schubs in die fiktive Fantasyliteratur. Trotzdem war es eine spannende und sehr ungewöhnliche Lektüre. Mit einem Leichnam in einem Roadtrip zu Reisen ist nicht wirklich annehmbar - aber doch eine originelle und erschreckende Idee. Teilweise haben mich einige Beschreibungen  wirklich geekelt und mein Verständnis für diese Erzähl-Thematik mit einem Leichnam ist nicht unbedingt gewachsen. 

Im Lauf des Briefromans erfahren wir als Leser*in immer mehr von der Beziehung zwischen ihr und dem toten Geliebten. Die Ehefrau bleibt erstaunlich blass und im Hintergrund, denn die Geliebte kennt sie gar nicht persönlich....

Die eigene Befindlichkeit der Protagonistin rückt immer mehr in den Vordergrund der Geschichte und hat viele Facetten. Wir lernen sie immer besser kennen je länger sie ihre Zeit mit dem Toten verbringt. Irgendwie schafft sie es sich von dem Leichnam  zu trennen - und das ist endlich die Erlösung vom Buch. 

Der Schreibstil der Autorin ist ungewöhnlich geschickt , einnehmend und flüssig zu erlesen. Die Thematik ist allerdings sehr gewöhnungsbedürftig und nicht jedermanns Sache. 

Meine Bewertung: VIER **** Sterne für dieses ungewöhnliche Werk.

Herzlichen Dank an die Autorin und den dtv-verlag für die Zusendung des gebundenen Rezensionsexemplar mit einem Lesebändchen. 


 

Freitag, 5. Juli 2024

*Die Tage des Wals* von Elizabeth O'Connor - erschienen im Blessing Verlag

 

*unbezahlte Werbung*

Verlagslink

INHALT/KLAPPENTEXT: 

1938: Auf einer abgelegenen Insel vor der walisischen Küste träumt die achtzehnjährige Manod von einer Zukunft auf dem Festland. Als ein Wal strandet, ist er für die kleine Gemeinschaft von Fischern nicht nur ein schlechtes Omen, sondern spült auch Edward und Joan aus Oxford an, die auf der Insel ethnografische Studien betreiben möchten. Manod ist fasziniert von ihnen und wird, klug und zielstrebig wie sie ist, zu deren Übersetzerin und Gehilfin. Doch was als Zweckgemeinschaft begann, nimmt eine folgenreiche Wendung, als daraus eine Freundschaft wird, die aufgeladen ist mit Hoffnungen und Sehnsüchten.

Elizabeth O’Connor schreibt Prosa und Gedichte, hat Kurzgeschichten in The White Review und Granta veröffentlicht und 2020 den renommierten The White Review Short Story Prize gewonnen. Sie hat einen PhD in Englischer Literatur und lebt in Birmingham. »Die Tage des Wals« ist ihr Debüt.

Meine Meinung zum Buch: 

In über zweihundert Seiten entführt uns die junge Autorin in ihrem Debüt-Roman in das Jahr 1938 auf eine winzige Insel, gelegen vor der Walisischen Küste. Die Bewohner,  hauptsächlich Fischer mit ihren Familien, führen ein karges, einfaches und oft gefährdetes Leben. Wer sich auf das Meer wagt setzt sein Leben aufs  Spiel, denn kein Inselbewohner kann Schwimmen.  Das war keine Besonderheit, sondern für die damalige Zeit ein übliches Phänomen. Das Meer,  seine Wetterbedingungen und der alltägliche Fischfang bestimmen den Alltag. Eines Tages wird ein Wal an den Strand gespült und es beginnt eine aufregende Zeit für die Inselbewohner. Auch die junge 18 jährige Manod wird mit ihrer Familie von diesem  Strudel erfasst. Sie beginnt als Übersetzerin des Gälischen Dialekts in die englische Sprache und gerät immer mehr unter den Einfluss von zwei Wissenschafter*innen, die den Wal untersuchen sollen. Die Wissenschaftler*innen, ein Mann und eine Frau, berichten Manod immer mehr aus ihrem  Forscher-Leben in England an der Universität und schüren in dem jungen Mädchen eine neue Sehnsucht nach Bildung und einem eigenständigen, selbstbestimmten Lernen und Leben. Alles erscheint ihr erstrebenswert und sie plant Neues für ihre Zukunft. Doch Enttäuschungen , auch menschlicher Art folgen und Manod macht bittere Erfahrungen,,,,,,


Der Schreibstil der Autorin ist in relativ kurze Kapitel eingeteilt und besticht durch seine klare Einfachheit, die das mühselige und gefährliche Leben der Fischerei zur damaligen Zeit perfekt schildern. Es wird eine dichte atmosphärische Stimmung aufgebaut, die mit prosaähnlichen Beschreibungen der einsamen, schönen und naturnahen Insel wunderbar auflockert. Die kleine, fiktive Insel steht im Roman als Beispiel für die vielen Inseln der Gaeltacht vor Schottland, Irland und/oder inmitten des Atlantik gelegen. So erklärt es die Autorin mit irischen Wurzeln im Nachwort. Aus Erzählungen ihrer Familie konnte sie sehr viele Traditionen und Gebräuche in ihren Roman einfügen......

Meine Bewertung: FÜNF ***** STERNE für diesen stimmigen und wertvollen Roman aus einer vergangenen Zeit der Inselfischerei an der Westküste der irischen See und/oder des Atlantik.



Freitag, 24. Mai 2024

*Der Pakt der Frauen * von Julia Kröhn - erschienen im Heyne Verlag

 

*unbezahlte Werbung*

Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten, 13,5 x 21,5 cm

ISBN: 978-3-453-27421-1

Erschienen am  20. März 2024

Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

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INHALT/KLAPPENTEXT: Zwei Frauen, zwei Leben – und eine Geschichte, die Mut macht

Wien 1976. Die junge Dozentin Katharina Adler sorgt bei den männlichen Kollegen regelmäßig für Schnappatmung. Selbstbewusst trägt sie knalligen Lippenstift und verbotenerweise im Hörsaal Hosen. Außerdem hat sie sich kein geringeres Ziel gesetzt, als die Geschichtswissenschaft zu revolutionieren. Dafür widmet sie sich Büchern, die von Frauen geschrieben wurden, speziell Kochbüchern. Als ihr dabei eine Rezeptsammlung aus der Feder ihrer Mutter Jule unterkommt, erkennt Katharina, dass sie erst die Geheimnisse ihrer eigenen Familie aufdecken muss, bevor sie die Welt verändern kann. Gemeinsam reisen sie und Jule nach Schlesien, an Katharinas Geburtsort. Dort lernt sie, dass es nichts Stärkeres gibt als Frauen, die zusammenhalten.

Die große Leidenschaft von Julia Kröhn ist nicht nur das Erzählen von Geschichten, sondern auch die Beschäftigung mit Geschichte: Die studierte Historikerin veröffentlichte – teils unter Pseudonym – bereits zahlreiche Romane, die sich weltweit über eine Million Mal verkauft haben. Ihr größter Erfolg hierzulande war »Das Modehaus«, ein Top-20-SPIEGEL-Bestseller; zuletzt widmete sich Julia Kröhn ihrem Herzensthema: den Büchern. In ihrer Dilogie »Die Buchhändlerinnen von Frankfurt« erzählt sie die Geschichte einer Verlagsbuchhandlung aus der Perspektive zweier Schwestern, von der Nachkriegszeit bis zur Studentenrevolte. In ihrem neuen Roman »Papierkinder« errichtet sie den historischen Kinderrechtlerinnen Emma Döltz, Clara Grunwald und Eglantyne Jebb ein fiktionales Denkmal in Form eines mitreißenden Romans.

Meine Meinung zum Buch:
 
Wir steigen beim Lesen in das Jahr 1976 ein. Katharina Adler, eine junge  Geschichts-Wissenschaftlerin an der Wiener Universität muss sich gegen negative Vorurteile ihrer männlichen chauvinistischen  Kollegen und Studenten durchsetzen. Sie hat ein bestimmtes Ziel in ihrer Arbeit als Dozentin vor Augen: sie möchte Frauen an der Universität in Forschung und Lehre eine  starke Stimme geben. Sie kämpft um Gleichberechtigung gegenüber einer gesellschaftlich dominanten Männerwelt in den 70 er Jahren . Ihr Forschungsgebiet umfasst hauptsächlich Bücher von Frauen aus vergangenen Zeiten . Dazu gehören auch Kochbücher, die einen  Einblick in die Zeit-Geschichte geben können. Zufällig stösst sie auf ein Kochbuch ihrer Mutter Jule und eine spannende Recherche beginnt.    

Die Autorin hat einen ausdrucksstarken und wichtigen Roman zu einem Thema verfasst, welches auch heute noch verbesserungswürdig ist. Sie zeigt offen in diesem Buch auf, wie schwer es Frauen in allen Zeiten haben,  ihre Rechte und Bedürfnisse an Forschung, Lehre und Bildung einzufordern.  Die damalige Meinung der 70er Jahre und vorheriger Jahrzehnte * Frauen gehören an den Herd , sollen bald heiraten und eine Familie gründen* war in allen Gesellschaftsschichten weit verbreitet.  
Der Roman ist spannend und mit absoluter Sogwirkung in zwei Zeitsträngen mit sympathischen Protagonistinnen aus den 70er Jahren und aus der Zeit des 2. Weltkrieg verfasst. Es handelt sich dabei um die Mutter Jule Adler und deren Tochter Katharina Adler, die Jahrzehnte später zusammen in das ehemalige Schlesien (Hirschberg) und heutige Polen reisen.  Eine Familiengeschichte und deren verborgene Geheimnisse werden so zum Leben erweckt. 

Im zweiten Zeitstrang der 40 er Jahre begegnen wir der jungen Jule, die kurz vor dem Ausbruch des  2. Weltkrieg das koschere Kochen in einer sie  liebevoll behandelnden jüdischen Familie kennenlernt und die  Rezepte und Küchengewohnheiten zur Trennung von Milch- und Fleischgerichten begeistert in ihrem Schulheft notiert. 
 Jule,  später verheiratet mit Carl,  arbeitet im Krieg als Köchin in einem Lager für Zwangsarbeiterinnen mit Frauen aus Tschechien, Polen, Russland, Ungarn und der Ukraine. Sie lässt sich deren Kochgewohnheiten und Lieblingsrezepte wie Pierogi und Pelmeni,  Baumstriezel und andere Köstlichkeiten erzählen und notiert alles in ihren Heften. Das Leid der Zwangsarbeiterinnen aus dem Osten bekommt einen grossen Anteil im Roman, der vom Schreibstil sehr flüssig, dramatisch und fesselnd verfasst ist. Die Autorin hat Teile ihrer eigenen Familienbiografie stimmig und beeindruckend im Roman verarbeitet.

Meine Beurteilung : FÜNF ***** für diesen sehr gut verfassten und fesselnden historischen Roman. 

Herzlichen Dank an die Autorin und den Verlag für das gebundene Rezensionsexemplar.  


    

 

Dienstag, 14. Mai 2024

*Das unsichtbare Band* von Haneen Al-Sayegh - erschienen im dtv Verlag

 

*unbezahlte Werbung, Rezensionsexemplar*

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ISBN: 978-3-423-28398-4

Erscheinungsdatum: 14.03.2024 

2. Auflage

336 Seiten

Format: 12,8 x 21,0 cm

Sprache: Deutsch, Übersetzung: Aus dem Arabischen von Hamed Abdel-Samad

INHALT/KLAPPENTEXT: In den Bergen des Libanon wächst die junge Amal in der strengen, patriarchalischen Religionsgemeinschaft der Drusen auf. Sie will nur eines: die Schule besuchen und studieren, doch Mädchen haben dort keine Rechte. Der Großvater lässt zwischen sich und seiner Frau eine Mauer errichten, aber die Mutter darf immerhin Brot backen, und damit bezahlt sie das Schulgeld ihrer Töchter.

Als Amal, die jüngste, mit fünfzehn verheiratet wird und das Elternhaus verlässt, schweigt die Mutter. Unbeirrt, wenn auch gegen viele Widerstände, geht die junge Frau ihren Weg und beginnt zu begreifen, was es heißt, selbstbestimmt zu leben und wahrhaftig zu lieben.

Ein poetischer, anrührender Text über Freiheit, Tradition, die Ambivalenz der Gefühle und das Band, das die Frauen der arabischen Welt verbindet und für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen lässt.

In ihrem Debütroman beschreibt Haneen Al-Sayegh eine Kindheit und Jugend in der ultrastrengen Religionsgemeinschaft der Drusen in den Bergen des Libanon. Eine Frau begehrt auf und geht ihren eigenen Weg.

Haneen Al-Sayegh, geboren 1986 im Mount Lebanon, studierte Englische Literatur an der American University of Beirut, arbeitet als Dozentin und Übersetzerin. Sie hat drei Gedichtbände veröffentlicht und wurde mit dem renommierten Naji Noaman Literary Award ausgezeichnet. Haneen Al-Sayegh lebt in Beirut und Berlin.

Meine Meinung zum Buch: Dieses Buch hat viele Emotionen in mir ausgelöst, angefangen mit Entsetzen über die Strenge, die ein Kind,  junges Mädchen und Frau in der Religionsgemeinschaft der Drusen im Libanon erfahren hat. Unverständnis und Mitleid mit den Frauen und ihren geschundenen Seelen und Körpern  haben fast die Überhand gewonnen. Eine enge Mutter-Tochter-Beziehung spielt im Roman eine tragende und wichtige Rolle.  Ich habe versucht vieles aus  dieser Religion mit Verzeihen und Verstehen nachzuvollziehen, aber es ist mir sehr schwer gefallen. 

Das Buch liest sich in einer erstarrt erscheinenden Ich-Erzählung, deren Person sich quält, an einer chronischen Depression leidet, an sich zweifelt,  die Familie liebt und dennoch Abstand gewinnen möchte. Der komplizierte Schreibstil ist  in seiner Ausdrucksweise manchmal verwirrend und nicht leicht zu erfassen. Es ist keine leichte und unbeschwerte Lektüre, gibt aber einen Einblick in die Religionsgemeinschaft der Drusen , die an eine Seelenwanderung glauben und nicht zu den Muslimen gehören. 

Meine Bewertung: FÜNF ***** Sterne.  Ich denke, dass dieses Buch eventuell autobiografische Wahrheiten der Autorin enthalten kann.  


Danke an die Autorin und den dtv-Verlag  für die Zusendung des gebundenen Rezensionsexemplar.  


 

*unbezahltes Rezensionsexemplar, Werbung*

Übersetzt von Judith Elze, Anne Emmert

Hardcover mit Schutzumschlag, 496 Seiten, 12,5 x 20,0 cm

ISBN: 978-3-424-35128-6

Erschienen am  18. Oktober 2023

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INHALT/KLAPPENTEXT: ach einem Schicksalsschlag steht Irene am Tiefpunkt ihres Lebens. Spontan steigt sie in einen Bus ohne zu wissen, wohin er sie führt. Als sie schließlich in einem kleinen Dorf in Mittelamerika landet, quartiert sie sich in einem Hotel am Fuß eines Vulkans ein, wo sie sich zum ersten Mal nach einer langen Zeit zu Hause und geborgen fühlt. Es ist ein paradiesischer Ort, an dem die bunten, wunderschönen Vögel die Künstlerin Irene zum Malen inspirieren. 


Durch unvorhergesehene Ereignisse wird ihr das Hotel übertragen. Anfangs noch skeptisch nimmt sie jedoch nach und nach die neue Aufgabe an. Es ist die Gemeinschaft im Hotel und auch dessen besondere Gäste, die ihr einen neuen Lebensinhalt geben. Doch wird sie jemals wieder glücklich sein? 

Joyce Maynard war Reporterin bei der New York Times und arbeitet noch heute als freie Journalistin für verschiedene große Magazine. Ihre Kolumnen und Artikel erscheinen in zahlreichen US-Zeitschriften. Mit ihren Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit dem Schriftsteller J.D. Salinger schrieb sie einen internationalen Bestseller. Die Autorin ist Mutter dreier erwachsener Kinder und lebt in Kalifornien und Lake Atitlan, Guatemala.

Meine Meinung zum Buch: 

Irene hat den schmerzlichen Verlust ihrer kriminellen Mutter nie verwunden, wuchs mit diffusen Ängsten vor dem FBI bei der Grossmutter auf. Als erwachsene Frau erleidet sie einen schmerzlichen und traumatischen Verlust von Ehemann und Sohn, kann sich jahrelang davon nicht befreien. Doch die Erlösung aus dieser schmerzlichen Lebenserfahrung kommt plötzlich und unerwartet. Auf einer Reise nach Mittelamerika strandet sie im abgelegenen wunderschönen Hotel  Hotel La Llorona am See La Esperanza . Dort lernt sie die lebenserfahrene Besitzerin des Hotel kennen und lieben. Diese hat sich Jahrzehnte um das malerische Hotel am See , gelegen am Fusse eines Vulkans gekümmert, der von herrlichen Blumen und Vögeln umgeben ist. Die weise Frau erzählt Irene die vielen Lebensgeschichten ihrer ehemaligen Gäste, verstirbt unerwartet und vererbt Irene das originelle und wunderschöne Hotel. Irene nimmt diese neue Herausforderung liebevoll an und gewinnt aussergewöhnliche neue Lebensansichten und Geschehnisse.....  

Das oben genannte Buch hat sich für mich als ein *spirituelles Märchen für Erwachsene* dargestellt. Der Schreibstil der Autorin ist einfach, gut verständlich und flüssig zu erlesen, regt die Fantasie an und befördert die Leser*innen in eine fiktiv erfundene Märchenwelt, mit Zügen, die unserer realen Welt ähnlich sind. 

Es ist ein Lesevergnügen der besonderen Art, oft geheimnissvoll, schockierend , aber auch verzaubernd und die Seele berührend. Emotionen pur werden den Leser*innen entlockt und geschenkt. 

Meine Bewertung: VIER **** Sterne. 

Herzlichen Dank an die Autorin und den Verlag für die Zusendung des gebundenen Rezensionsexemplar mit dem farbenprächtigen Cover.  



Sonntag, 11. Februar 2024

*Aufs Meer hinaus* von Cecilie Enger - erschienen im Penguin Verlag

 

*unbezahlte Werbung*

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DEUTSCHE ERSTAUSGABE

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs

Originaltitel: Det hvite kartet

Originalverlag: Gyldendal Norsk Forlag, Oslo 2021

Hardcover mit Schutzumschlag, 304 Seiten, 13,5 x 21,5 cm

ISBN: 978-3-328-60314-6

Erschienen am  13. September 2023

Inhalt/Klappentext: Ein eindrücklich erzählter Roman über zwei norwegische Frauen, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihren ganz eigenen Weg gingen – als erste weibliche Reederinnen

Seit sie denken kann, hat Bertha davon geträumt, ihre streng puritanisch geprägte Heimat im Süden Norwegens hinter sich zu lassen; ein anderes Leben zu führen als das, was von ihr erwartet wird. In der rauen Bergarbeiterstadt Karmøy ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Aufbruch an jeder Straßenecke spürbar – und hier trifft Bertha auch Hanna wieder. Hanna, die so anders ist als andere Frauen und die am liebsten Männerkleidung trägt. Gemeinsam mit Hanna scheint Bertha alles möglich, der Wunsch nach Freiheit und die Sehnsucht nach der Weite des Meeres eint sie, und so machen sie schließlich als die ersten Reederinnen Europas von sich reden. Doch ihre Liebe halten die beiden Frauen zeit ihres Lebens vor der Außenwelt verborgen.

In ihrem ebenso bewegenden wie schmerzhaft schönen Roman erzählt Cecilie Enger von zwei Menschen, die keine Kompromisse machten für ihr Glück – und von den langfristigen und dramatischen Auswirkungen ihrer Lebensentscheidungen.

Cecilie Enger, Jahrgang 1963, studierte Geschichte, Norwegisch und Journalismus und arbeitet als Journalistin bei einer der führenden norwegischen Zeitungen. 1994 legte sie ihr Romandebüt vor, das mit dem Nota-Bene-Buchpreis ausgezeichnet wurde. 2000 war sie für den Brage-Preis nominiert, 2008 erhielt sie den Amalie-Skram-Preis. "Die Geschenke meiner Mutter" ist ihr siebtes Buch, wurde für den Kritikerpreis nominiert, mit dem Buchhändler-Preis ausgezeichnet und war ein Bestseller in Norwegen.

Die Übersetzerin Dr. Gabriele Haefs studierte in Bonn und Hamburg Sprachwissenschaft. Seit 25 Jahren übersetzt sie u.a. aus dem Dänischen, Englischen, Niederländischen und Irischen. Sie wurde dafür u.a. mit dem »Gustav-Heinemann-Friedenspreis« und dem »Deutschen Jugendliteraturpreis« ausgezeichnet, zuletzt 2008 mit dem Sonderpreis des »Deutschen Jugendliteraturpreises« für ihr übersetzerisches Gesamtwerk. Sie hat u.a. Werke von Jostein Gaarder, Camilla Grebe und Anne Holt übersetzt. Zusammen mit verschiedenen Kolleginnen hat sie mehrere Anthologien skandinavischer Schriftsteller herausgegeben.


MEINE MEINUNG ZUM BUCH: Der Klappentext und die interessante Thematik des Buches über zwei unabhängige Frauenleben zu Beginn des 20 Jahrhundert mehr zu erfahren,  haben mich regelrecht verführt dieses Buch zu lesen. 

Leider bin ich etwas enttäuscht worden  und zwar vom  absolut schlichten , sogar unbeholfenem Schreibstil der so hochgelobten norwegischen Autorin. Oft liest sich der Text wie eine einfache Erzählung eines jungen Menschen mit wenig Literaturerfahrung. Ist es dieser Reiz, der so so vielen Leser*innen gefällt?  Meiner Meinung kann es an vielen Dingen liegen . Mir persönlich fehlte einfach der Lesefluss und die Begeisterung  und innere Bindung an die charakterliche  Darstellung der Protagonist*innen des Buches. Die beiden Protagonistinnen des Romans haben tatsächlich gelebt und sind keine fiktiv erfundenen Personen der Autorin. 

 Ich habe mich teilweise gelangweilt beim Lesen des Buches! Als ersten Grund nenne ich mein eigenes Unvermögen, die Begabung der Autorin zu erlesen. Selbstzweifel an der eigenen Meinung sind ja oft fruchtbar und bringen neue positive Erkenntnisse hervor.  Die Übersetzerin aus dem Norwegischen ist eine professionelle Dame, deren Wissen und Können ich nicht anzweifeln möchte und kann.

Die atmosphärischen Beschreibungen der Bergarbeiterstädtchen  Karmoy und Bergen, am Meer gelegen, scheinen allerdings ziemlich authentisch und die Denkweisen  junger schwärmender Mädchen füreinander werden sehr zart, der prüden damaligen Epoche  sicher angemessen, gut angedeutet. Die junge Bertha, die eigentlich heiraten möchte und in einem Kaufmannsladen  fleissig arbeitet, freundet sich mit der extravaganten, etwas maskulinen Hanna eng an. Die beiden Frauen verbindet eine tiefe Zuneigung, welche mich sehr beeindruckt hat. Im damaligen Gesellschaftsleben gibt es allerdings für diese Liebe unter Frauen keinen Platz und keinen öffentlichen Raum. 

Durch glückliche Zufälle, wie sie das Leben oft bereit hält,  finden die beiden Frauen ihre Berufung als erste weibliche Reederinnen in der europäischen Seefahrt Geschichte,,,,,,

Meine Bewertung: DREI  *** Sterne für ein gutes Buch, welches mich nicht begeistern konnte.  

Herzlichen Dank für das gebundene Rezensionsexemplar an die Autorin und den Verlag. 

Freitag, 7. Juli 2023

*Jahrhundertsommer* von Alice Grünfelder - erschienen im dtv-verlag

 

*Werbung unbezahlt

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Erscheinungsdatum: 18.05.2023 

Inhalt/Klappentext: Murrheim, 60er-Jahre: Als Magdas Mann sie wegen einer jüngeren Frau verlässt, bricht für sie eine Welt zusammen. Denn in ihrem Baden-Württembergischen Heimatort ist sie die einzige geschiedene Frau weit und breit. Das bringt sie nicht nur in finanzielle Nöte, auch ein gesellschaftliches Leben ist kaum mehr möglich, ihre Tochter Ursula wird in der Schule gehänselt.

Doch Magda ist entschlossen, nicht aufzugeben, sie geht Putzen, nimmt jeden Job an. Auf einem Dorffest lernt sie einen amerikanischen Soldaten kennen, mit dem sie einen unvergesslichen Sommer verbringt. Unvergesslich auch deshalb, weil er eines Tages einfach verschwunden und Magda schwanger ist.

Das ohnehin schwierige Verhältnis zu Tochter Ursula, die inzwischen selbst ein Kind hat, wird immer problematischer. Magda bekommt ihre Tochter Ellen und schlägt sich mehr schlecht als recht durch. Zwar gibt sie trotz der widrigen Umstände nicht so schnell auf und stellt sich durchaus den Herausforderungen und gesellschaftlichen Umwälzungen der Zeit. Doch als ihr Leben wieder einmal an einem Tiefpunkt angelangt ist, hat Enkel Viktor eine zwielichtige Geschäftsidee: Endlich scheint Magda ein Leben in Glück zum Greifen nah.

Alice Grünfelder, aufgewachsen in Schwäbisch Gmünd, studierte nach einer Buchhändlerlehre Sinologie und Germanistik in Berlin und China. Sie war Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, für den sie unter anderem die Türkische Bibliothek betreute. Seit 2010 unterrichtet sie Jugendliche und ist als freie Lektorin tätig. Alice Grünfelder ist Herausgeberin mehrerer Asien-Publikationen und veröffentlichte unter anderem Essays und einen Roman. Sie lebt und arbeitet in Zürich.


Meine Meinung : Dieses Buch hat mich geschockt und wieder einmal die Augen dafür geöffnet wie schwer es alleinstehende, verlassene und/oder ledige Frauen mit Kindern in den 60er Jahren im ländlichen Raum hatten.

Magdas's Ehemann verlässt sie und die beiden jungen Kinder wegen einer jüngeren Frau. Das allein löst im schwäbischen Dorf Gerede und Ächtung aus. *Magda muss wohl selbst daran schuld sein* - so die öffentliche Meinung der Dorfbewohner*innen. Es wird über sie *gschwätzt* und als Magda den in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten John kennenlernt, einen wunderschönen Sommer mit ihm verbringt, er nach Vietnam einberufen wird und Magda Nachwuchs, das dritte Kind Ellen von ihm erwartet, nimmt das Gerede und die Verachtung kein Ende mehr. Dieser *Makel* wird Magda's Kinder und Enkel  jahrzehntelang unheilvoll verfolgen.  Die einfache und gutmütige Frau arbeitet ihr Leben lang schwer als Putzfrau, in einer Gärtnerei, um sich und ihre Kinder durchzubringen, hat nur noch ihre glücklichen Erinnerungen an die vergangene Zeit mit John. 

Der ganz besondere, gut und flüssig zu lesende Schreibstil der Autorin mit der vom dortigen Dialekt geprägten Ausdrucksweise und  den Gedankengängen der jeweiligen Protagonisten, hat mich fasziniert und gefesselt. Alice Grünfelder widmet sich kapitelweise der Entwicklung von Magda's Leben und Charakter.  Deren sich von ihr abwendenden Kindern Ursula, Ellen und dem Sohn sowie dem geliebten Enkel Viktor gibt sie in eigenen Abschnitten jeweils eine Stimme von Kindheit an bis ins Erwachsenenalter. Das biedere und spiessige Dorfleben wird den Leser*innen  dadurch bildhaft und eindrucksvoll vermittelt. Es ist voller Vorurteile, Neid, Gehässigkeit gegenüber dieser  Aussenseiter-Familie, die materiell zu kämpfen hat und keine emotionale Unterstützung und/oder Anerkennung im Dorf bekommt. 

Es ist ein trauriges Buch, von einer damaligen Realität erzählend , welche eine ganze Familie zerstört und vernichtet hat. 

Meine Bewertung: Fünf ***** Sterne.

Herzlichen Dank an die Autorin und  den dtv-Verlag für das gebundene Rezensionsexemplar.   

 


Mittwoch, 28. Juni 2023

*Schneeflocken wie Feuer* von Elfi Conrad - erschienen im mikrotext verlag

 

*Werbung, unbezahlt*

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304 Seiten

ISBN 978-3-948631-33-8

Erschienen am 15.6.23

INHALT/KLAPPENTEXT: Während eines Klassentreffens holen Erinnerungen die fast 80-jährige Dora ein, an ihr 17-jähriges Ich, das wagte, dem eigenen Begehren nachzugehen: den von Rockmusik begeisterten Musiklehrer zum Tanz aufzufordern und mit ihm gesellschaftliche Tabus zu durchbrechen.

 Befreiung und Emanzipation

Anfang der 1960er Jahre: sexuelle Tabus, veraltete Frauenbilder, patriarchale Strukturen. Für die Erniedrigung, die sie jeden Tag erlebt, will sich die 17-jährige Dora rächen. Ihr Opfer ist der Musiklehrer, ihre Waffe ist ihre Weiblichkeit. Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln möchte sie ihn verführen.

Dora balanciert auf dem schmalen Grat zwischen aufgeklärter Gegenwart und beengter Vergangenheit. Die ihr zugeschriebene Rolle als ältere Tochter, Schülerin, junge Frau beherrscht sie zwar perfekt, dennoch kann sie sich nicht mit den dazugehörigen Grenzen abfinden.

Der Verführer von Doras Mutter war Adolf Hitler. Als Vertriebene aus Niederschlesien hängt sie ihrer Heimat und dem NS-Regime nach. Die Erzählungen der Mutter und die Folgen des Zweiten Weltkriegs prägen Doras Leben. Sechzig Jahre später schaut die Ich-Erzählerin auf ihre Jugend im Oberharz zurück, ordnet kritisch ein und verknüpft ihre Erinnerungen mit der Gegenwart.

Elfi Conrad, geboren 1944, wuchs im Harz auf, studierte Musik und Deutsch in Hamburg und lebt jetzt in Karlsruhe. Mit Leib und Seele lehrte sie dort an Schulen und an der Pädgagoischen Hochschule. Daneben vertiefte sie sich in die Fächer Kognitionswissenschaft und Semiotik, in denen sie promovierte. Sie veröffentlichte bisher Gedächtnis und Wissensrepräsentation (Olms-Verlag) und mehrere Romane unter ihrem Pseudonym Phil Mira.

NDR Buch des Monats Juni 

Mein Leseeindruck: Dieser autobiografisch angelegte Roman, erzählt in der ICH - Form, hat mich wegen seiner tabulosen Ehrlichkeit über eine komplizierte Thematik sehr beeindruckt. Es geht um Liebe, Sex, Körpergefühl, Feminismus, Selbstverwirklichung  -  die Befreiung der Frauen von hemmenden gesellschaftlichen Zuständen und Zwängen der 50er und 60er Jahre.
Die junge 17jährige Dora wurde geprägt von der bedingungslosen Liebe zur Mutter, der kleinen 13 Jahre jüngeren Schwester und der ersten grossen Beziehung zu ihrem Musiklehrer Costa. Ebenso aber auch von der körperlichen und psychischen Gewalt des Vaters in der Familie, der ein absolutes Patriarchat vorlebte und verkörperte. Das Spiel von Cello und Flöte hat sie geliebt und innig in ihrer Zuneigung zu dem Lehrer und seiner Rockmusik ausgelebt. Das alles war in der damaligen Zeit etwas sehr Besonderes, denn die Gesellschaft verharrte noch im spießigen und vermufften Denken, unsinnigen Regeln in Bezug auf Frauen, ihrem  freien Denken und Handeln sowie den beruflichen Möglichkeiten, wie es den männlichen Zeitgenossen zugestanden wurde. 

Die Autorin schreibt in einem ansprechenden Schreibstil über die Gedanken und Handlungen der siebzehnjährigen Protagonistin Dora , sowie im Rückblick aus der Sicht der fast 80jährigen Dora auf ihr gelebtes bisheriges Frauendasein in der damaligen BRD. Sie bewertet als ältere Frau sich, ihr damaliges Verhalten kritisch und natürlich aus der Sichtweise einer Lebenserfahrung, die sie als junges Mädchen noch nicht besessen hat. Die junge Dora wollte sich dem allgemein anerkanntem Frauenbild dieser Zeit nicht unterordnen. Kinder, Kirche, Küche.  Sie hat zu Recht - rebelliert.  Aus den Zeilen konnte man herauslesen, dass sie sich im Laufe ihres Lebens auch von dem übermächtigen Einfluss der kranken und dominanten Mutter gelöst hat. Diese Frau wuchs in der Nazizeit auf, war beim Bund der deutschen Mädels und hat dieses Gedankengut in die Familie hineingeschleust, sei es bewusst oder unabsichtlich. So erging es sicher leider vielen Familien! 
Die Autorin hat in kurzen Sätzen immer wieder politische Weltereignisse und Vergleiche zu heutigen gängigen und allgemeinen Sichtweisen unserer Gesellschaft in ihre Erzählung eingebunden, was mich persönlich etwas ermüdet und genervt hat. Für die jüngere Generation sind diese Hinweise bestimmt wichtig und sehr informativ, denn so wurde das Zeit- und Lebensgefühl von damals bunt und lebendig zum besseren Verstehen in den Hintergrund des Romans gestellt. 
Sehr gefallen haben mir poetische Passagen, die immer wieder lose eingestreut wurden, wie zum Beispiel auf Seite 155 !

Zitat Seite 155: "Plötzlich der See vor uns. Gläsern. Ein Schimmern.Weißgeränderte Wolken und tiefgrüne Fichten, die sich spiegelnd einfraßen in dunkles Blau. Leichter Wind, der das Gras auffächerte. Bordüren aus weißen Federn. Vogelrufe zwischen Zweigen. Sirren von Insekten. Unser Blick nach oben bis in die Wipfel, die in lichtes Blau vorstießen. Julisonne, die durch Bäume brach. Heiße Luftschichten um uns, sich festsaugend an unserer Haut."

Insgesamt hat mich das Buch  berührt und an eigene positive und negative Erlebnisse aus meiner Kindheit in den 60er Jahren erinnert.

Meine Bewertung: Vier **** Sterne für diese interessante Sichtweise eines Frauenleben!

Herzlichen Dank an die Autorin und Verlag für die Zusendung des gebundenen Rezensionsexemplar! 



         

Mittwoch, 2. November 2022

*Moonlight und die Tochter des Perlenfischers* von Lizzie Pook - erschienen im Diana Verlag

 

*Rezensionsexemplar, unbezahlte Werbung*

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INHALT / Klappentext: 1886 Bannin Bay, Westaustralien: Strände voller glänzender Perlen und Muscheln so groß wie Teller – hier wollen die Brightwells mit Tochter Eliza ihr Glück finden. Zehn Jahre später ist Charles Brightwell der erfolgreichste Perlenfischer der Küste. Eines Tages jedoch kehrt sein Boot ohne ihn zurück, Charles ist spurlos verschwunden. Eliza weigert sich zu glauben, dass ihr Vater tot ist und forscht entschieden nach. Doch in einer Stadt voller Korruption, Vorverurteilung und Erpressung lernt sie schnell: Die Wahrheit wird mehr kosten als Perlen. Findet Eliza auf einer waghalsigen Seereise mit ihrem Boot Moonlight heraus, was wirklich passiert ist?

Von London aus bereist die Journalistin Lizzie Pook die entferntesten Ecken der Welt – auf der Suche nach Schneeleoparden im Himalaya bis zu den unbewohnten Küsten von Grönland. Sie schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine wie The Guardian, Lonely Planet, The SundayTimes und Condé Nast Traveler. »Moonlight und die Tochter des Perlenfischers« ist ihr erster Roman.

Mein Leseeindruck: Beim Ansehen des Covers und Lesen des Klappentextes hat sich in mir die Vorstellung verbreitet in diesem Buch einem romantischen Wohlfühl-Frauenroman zu begegnen. Doch es war völlig anders.  Die Hauptprotagonistin Eliza war für diese Zeit im Australien des 19. Jahrhundert charaktermässig eine ungewöhnliche Person.  Sie war eher unangepasst an die geltenden  männlich geprägten Gesellschaftskonventionen, sonder eher energisch, unromantisch, eigensinnig und selbständig im Denken und Handeln , sehr an Wissenschaft und Forschung interessiert , fast eine Feministin. Wie ich im Nachwort dann auch erlesen habe, hat sich die Autorin an einer real lebenden damaligen Frauenrechtlerin orientiert. 

Die Autorin Lizzie Pook hat sich sehr sorgfältig und intensiv in ihrer Recherchearbeit mit dem Thema der damaligen Perlenfischerei in Nord-West-Australien befasst. Die Brutalität der damaligen Zeit und ihren Gesellschaftsformen, gerade auch gegenüber der indigenen Bevölkerung der Aborigenes hat sie schonungslos und offen beschrieben. Zum Beispiel wurden schwangere indigene Frauen von weissen Kaufleuten  zu Tauchgängen gezwungen, da sie durch ihren körperlichen Zustand über ein grösseres Lungenvolumen verfügten. Wie grausam muss man denken um das auszuführen? Erschreckende Gedanken über Grausamkeit und Brutalität kamen mir  nachfolgend beim Lesen dieser Geschichte immer öfter. Die Zustände an der Küste und in den Hafenstädten strotzen nur so vor Gewalt, Brutalität und Herzlosigkeit gegenüber Mensch und Tier. Nur der Profit, gewonnen durch den Verkauf der begehrten Perlen, zählte!

Lizzie Pook hat mich sehr beeindruckt mit ihrem fast wissenschaftlich anmutendem  Schreibstil, indem sie eine mir unbekannte australische Tier - und Pflanzenwelt minutiös beschreibt! Diese Naturbeobachtungen von Eliza werden sehr ausführlich in den Vordergrund gerückt, gehen oft fast an die Ekelschwelle, doch die Verbindung des Lesers zur Person Eliza blieb für mich merkwürdig kalt und ohne grosse Emotionen meinerseits. Das empfand ich als absolut schade und grossen Mangel im Roman. 

Lizzie Pook hat mich mit der Geschichte dieser Suche von Eliza nach ihrem Vater nicht unbedingt begeistert. Erst im letzten Drittel des Buches kommt es endlich zur lange versprochenen und ersehnten Fahrt mit dem Logger *Moonlight*. Diese Fahrt  und Suche nach dem vermissten Vater auf dem Meer war für mich endlich der eigentliche Höhepunkt des Romans...... 

Meine Bewertung: Drei *** Sterne für dieses Beeindruckende Buch !


Herzlichen Dank an die Autorin und den DIANA VERLAG  für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

Sonntag, 9. Oktober 2022

*Island Dreams - Der Garten am Meer* - erschienen im Heyne Verlag

 

*Rezensionsexemplar, unbezahlte Werbung*

ORIGINALAUSGABE

Taschenbuch, Klappenbroschur, 416 Seiten, 11,8 x 18,7 cm

ISBN: 978-3-453-42629-0

Erschienen am  09. Mai 2022

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INHALT/KLAPPENTEXT: Philippa Gordon hat alle Brücken hinter sich abgebrochen und steht kurz davor, das nasskalte Schottland ein für alle Mal zu verlassen. Doch als ihre Schwester bei einem tragischen Unfall stirbt, muss Philippa ihren Lebenstraum jäh aufgeben. Ihr dreijähriger Neffe Rufus braucht sie – und sie ist mit der Situation völlig überfordert. Da bietet sich ihr eine überraschende Job-Option: Der »Tresco Abbey Garden« auf dem winzigen Scilly-Archipel sucht dringend eine Botanikerin. Kurzerhand ziehen Philippa und Rufus in das englische Insel-Paradies südwestlich von Cornwall. Sie liebt die Arbeit mit der üppigen Pflanzenwelt, und auch der Insel-Alltag mit Rufus pendelt sich langsam ein. Und dann ist da noch der Meeresbiologe Harry, der Philippas Herz schneller schlagen lässt. Bis ein Mann auftaucht, der behauptet, Rufus‘ Vater zu sein …

Mit Sehnsuchtsorten kennt sich Charlotte McGregor aus. Schon in frühester Kindheit fühlte sie sich zu Städten und Ländern hingezogen, die sie nur aus Büchern oder Filmen kannte. Kein Wunder, dass sie aus ihrem Fernweh einen Beruf gemacht hat. Die Journalistin schrieb jahrelang Reiseberichte für Zeitungen und Magazine, ehe sie ihre Lieblingsorte auch in Romanen verewigte. Derzeit schlägt ihr Herz für Schottland, wo sie regelmäßig mit ihrem Mann durch Städte, Dörfer und die Highlands streift und sich voller Enthusiasmus auf Whisky, Haggis und Kilts stürzt.

Mein Leseeindruck: Ein drastisches Familienereignis, der plötzliche Unfalltod von Philippas (Pippa) Schwester führt die Hauptprotagonistin Pippa, in Schottland lebend,  auf einen völlig anderen Lebensweg. Ihr Traum vom unbeschwerten Singleleben  als Botanikerin im sonnigen Südafrika zerplatzt wie eine Seifenblase, da sie ihrer Schwester das Versprechen gegeben hat sich um den kleinen Neffen Rufus zu kümmern, falls diese nicht mehr für das Kind da sein kann. Sie bekommt das Angebot im *Treso Abbey Garden* auf dem abgelegenen englischen Inselparadies, südwestlich von Cornwall gelegen , zu arbeiten. Nach langem Zögern nimmt sie die neue und ungewohnte Aufgabe als Mutter und Botanikerin  an und zieht mit dem dreijährigen Rufus auf die kleine Insel Tresco!

Dieses Buch der Autorin war nicht das erste , welches ich von ihr genossen habe. Sie schreibt gern unterschiedliche  Buch und Themen-Reihen unter mehreren Pseudonymen - hier für Schottland mit dem Namen Charlotte McGregor. Ihr Schreibstil ist absolut gekonnt flüssig, ansprechend und gewinnt durch die gut beschriebenen Charaktere  und Situationen  in ihren Büchern sofort das Herz vieler Leser*innen. Die schwierige Situation der jungen Pippa, die von heute auf morgen für ein Kleinkind verantwortlich wird, hat mich sehr berührt und ich konnte deren Ängste, Sorgen und Bedenken gut nachvollziehen. Zumal sie als Kind von lieblosen Eltern schon mit fünf Jahren in ein Internat gegeben wurde. So erging es auch der verstorbenen Schwester und zwei älteren  Brüdern. Verständlich , dass sie dem kleinen Rufus dieses Schicksal ersparen wollte. 

Das Einleben auf der Insel Treso gelingt dank vieler netter und hilfsbereiter Nachbarn erstaunlich gut und ich konnte die ungewöhnliche Inselatmosphäre sehr gut erspüren und miterleben. Eine sich anbahnende Liebesgeschichte gibt Pippa's und Rufus Leben Halt und neues Glück , bringt den Leser*rin zu einem zufriedenen und erfüllendem  Leseerlebnis.......

MEINE BEWERTUNG: VIER **** STERNE für dieses schöne Leseerlebnis!

Herzlichen Dank für das Zusenden des Rezensionsexemplar!






Sonntag, 11. September 2022

*Diese wilde Freude in mir* Samantha Silva - erschienen im dtv Verlag

 

*Rezensionsexemplar, unbezahlte Werbung*

ISBN: 978-3-423-29028-9

Erscheinungsdatum: 17.08.2022 

1. Auflage

384 Seiten

Format: 13,8 x 21,5 cm

Sprache: Deutsch, Übersetzung: Aus dem amerikanischen Englisch von Britta Mümmler

Verlagslink

INHALT/KLAPPENTEXT: London 1797. Die Hebamme Parthenia Blenkinsop hat schon unzählige Babys auf die Welt gebracht, aber so etwas wie im Haus von Mary Wollstonecraft hat sie noch nicht erlebt. Ein höchst unkonventioneller Haushalt, eine liebevolle, gleichberechtigte Ehe. Und vor allem Mary selbst – eine offene, liebenswerte Frau, mit der Mrs. B wie mit ihresgleichen reden kann. Doch die Geburt ist lang und schwer. Elf Tage lang kämpft Mrs. B um das Leben von Mutter und Kind. In diesen elf Tagen erzählt Mary ihrer neugeborenen Tochter ihr Leben: ihr Kampf um Frauenrechte, die Reisen, Wagnisse, Verluste und Triumphe. Und vor unseren Augen wird eine furchtlose, tief beeindruckende Frau lebendig. Nicht nur Mrs. B wird diese elf Tage nie vergessen.

Samantha Silva schreibt hauptberuflich Filmdrehbücher und Theaterstücke und hat für Paramount, Universal und New Line Cinema gearbeitet. Sie lebt in Idaho.

Mein Leseeindruck: Wir schreiben das Jahr 1797. Eine der ersten und bedeutendsten Schriftstellerinnen und Feministinnen ihrer Zeit Mary Wollstonecraft auch gern bei Wikipedia nachzulesen, steht  in der Geburt ihres zweiten Kindes. Das Kleine, eine Tochter ist sehr zart und schwach. Die ganze Familie , vor allem aber die erfahrene Hebamme Parthenia Blenkinsop kümmern sich rührend um Mutter und Kind. An elf Tagen nach der schweren Entbindung erzählt Mary dem kleinen neugeborenen Mädchen aus ihrem Leben um sich abzulenken und dem Kind durch Stimme und körperliche Nähe den Lebenseintritt zu erleichtern. Dieses kleine Mädchen wird im Erwachsenenleben einen berühmten Roman, Frankenstein oder der moderne Prometheus ( 1818), unter dem Namen  Mary Shelley veröffentlichen. 

Dieser fiktiv verfasste biografische Roman  von Samantha Silva hat mich völlig in seinen Bann gesogen und ich konnte das Buch kaum zur Seite legen. 

Mary Wollstonecraft hat über sich und ihre Bemühungen und Denkweisen gesagt: " Ich möchte nicht, dass Frauen Macht über Männer, sondern über sich selbst besitzen. "  Das war für die damalige Zeit eine ausserordentliche und ungewöhnliche Aussage einer berühmten Schriftstellerin.  Sie war eine der ersten Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit.  Ihre Bücher hat sie bei dem bekannten Verleger und Freund Joseph Johnson unter ihrem Namen veröffentlicht. Durch den Umgang mit ihm hat sie viele bekannte und berühmte Persönlichkeiten ihrer Zeit kennengelernt wie zum Beispiel Darwin. Mary hatte zeitlebens nur einen Wunsch, den sie gradlinig und ehrgeizig verfolgte. Sie wollte lernen und niemals von einem Mann abhängig sein, sondern ihre eigenen Wünsche und Ziele im Leben verfolgen, die sie sich durch Bildung aneignen wollte. Ihre Kindheit war nicht leicht. Ihr Vater, ein irischer Landwirt und Alkoholiker hat sie mit Grausamkeit behandelt und ihr fast jede Schulbildung verboten. Ihre Mutter war nicht viel besser, sie hat ihre Töchter mit Lieblosigkeit erzogen, nur der Bruder Ned wurde auf Grund seines Geschlechts vorgezogen. Die Familie ist oft umgezogen , hat nirgendwo eine feste Heimat gefunden. Mary hatte aber einen starken Willen und Charakter , hat sich frühzeitig aus diesen Familienfesseln befreit und Zuwendung und Wissen in anderen Familien gefunden, wie bei der Familie von John Arden. Ihre erste kindliche Freundschaft zu einem Mädchen der Familie hat sie geprägt und beflügelt.

Zitat Seite 36 : "Sie ahnte nicht (die Freundin) , dass in mir - tief in meinem Innern - eine wilde Freude loderte, der sehnliche Wunsch, ihr Leben möge meines sein oder ich ein Zeichen erhalten, dass sie meine Zuneigung erwiderte, irgendeinen Fingerzeig, dass sie mich der Aufmerksamkeit für wert erachtete. " 

Ihr Leben lang hat Mary Wollstonecraft Liebe, Zuneigung, Wissen und Unabhängigkeit gesucht. All das hat sie später als erwachsene Frau bei ihrer Freundin Fanny Blood gefunden, die leider zu früh verstorben ist. Trotz dieser schönen und einmaligen Liebeserfahrung ist sie drei  enge Beziehungen zu Männern eingegangen, die nur mit ihrem letzten  Ehemann, dem Philosophen William Godwin glücklich verlaufen ist. 

Der Schreibstil der Autorin ist überaus grossartig, fesselnd und hat mich sofort in diese dramatischen elf Tage  der Mary Wollstonecraft mitgenommen. Samantha Silva entwickelt und erzählt  dieses Geschehen abwechselnd aus zwei Blickwinkeln. Einmal aus der Rückschau mit Mary's Worten - dann wieder mit den Eindrücken und Empfindungen der Hebamme Blenkinsop, einer einfachen und gütigen Frau mit viel Lebenserfahrung. Philosophische Gespräche , Meinungen und Erlebnisse mit ihrem Verleger Johnson, dem Schweizer Maler Johann Heinrich Füssli  und dem Amerikaner Gilbert Imlay  und anderen bedeutenden Männern und Frauen ihrer Zeit nehmen einen wichtigen und beeindruckenden Platz im Roman ein und langweilen nicht im geringsten. Die Autorin Samantha Silva hat den Charakter und Inhalt dieser Gespräche überzeugend und wahrhaftig zum Leser*in transportiert. 

Für mich war dieser grossartige biografische Roman ein Jahreshighlight, dem ich eine absolute Leseempfehlung gebe !

Meine Bewertung: FÜNF ***** Sterne!

Vielen herzlichen Dank an die Autorin und den Verlag für das Übersenden des gebundenen Rezensionsexemplars mit dem ansprechenden Cover !