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Dienstag, 25. August 2026

*Offene See* von Benjamin Myers - erschienen im Dumont Verlag

*unbezahlte Werbung, selbstgekauft*

Mein Leseeindruck:

Wir schreiben das Jahr 1946. Der europäische Kontinent hat den 2. Weltkrieg überstanden. Doch die Menschen sind immer noch gelähmt und geschockt von diesem traumatischem Ereignis.
Der junge Robert , ein 16 jähriger Bergarbeitersohn  aus Nordengland begibt sich nach seinem Schulabschluss auf eine Wanderung durch die wunderschöne Landschaft bis nach Yorkshire. Er möchte das Meer sehen, die Nordsee. Robert ist minimalistisch unterwegs - so kann man es bezeichnen.  Mit wenig Gepäck lässt er sich ziellos treiben, führt Gelegenheitsjobs aus, ernährt sich von Obst, Gemüse, Geschenken der Farmer für seine Dienste. 

Zu Beginn und am Ende  des Buches plaudert ein alter, schon etwas gebrechlicher Mann aus seinem Leben. Anschliessend lässt der Autor den jungen Robert in der Ich-Form erzählen. Auf seinen Wanderungen lernt er die ältere Dulcie Piper kennen. Sie lebt abgeschieden in einem verwunschenen Cottage auf einem verwilderten Grundstück in der Nähe einer Bucht des Meeres. Robert ist zu Beginn dieser Bekanntschaft sehr schüchtern, mag den Schäferhund Butler der älteren Dame , taut langsam auf bei  guten Gesprächen, einem wunderbaren Abendessen mit Hummer und Wein. Dulcie ist eine gute Köchin und Geniesserin, päppelt den körperlich zarten Robert auf und diskutiert mit ihm über Literatur, Künstler, den vergangenen Krieg, das allgemeine Leben. Robert revanchiert sich mit Reparaturen , Arbeiten am Grundstück und einem vernachlässigtem Gartenhaus. Die Renovierung des kleinen Hauses zieht sich in die Länge durch immer neue Schäden, die von Robert entdeckt und behoben werden. Er spürt einen alten Koffer auf mit Aufzeichnungen , Gedichten von einer Romy Landau. Er liest sie, ist fasziniert, fragt nach der wohl gemeinsamen Vergangenheiten beider Frauen. Robert versucht von der exzentrischen Dulcie Erklärungen über diese Person und deren wunderbare Poesie zu bekommen. Robert bringt Dulcie dazu endlich einen an sie gerichteten Brief von Romy Landau mit dem Datum vom 1. April 1940 zu lesen. 
Langsam öffnet  sich  Dulcie und rollt die Geschichte ihres Lebens und ihrer Beziehung zur Poetin Romy für ihn auf,,,,, 

Ich habe jede Zeile, jeden Satz des Autors langsam und in Muße genossen. Seine poetische und ausschmückende Art die Natur, Wetterereignisse,  eigene Gefühle und menschliche Beziehungen zu beschreiben haben mich unfassbar begeistert. Diese anschauliche, ungewöhnliche Reise hat zauberhafte Bilder in meinen Kopf gezaubert und mich auf seinen Wegen mit wandern lassen. 
Benjamin Myers ist aber auch ein Autor, der die Strömungen und Probleme unserer Zeit wahrnimmt. Er lässt die Protagonist*innen seines Romans über einen eventuellen Ausbruch eines 3. Weltkriegs diskutieren. Zur Sprache kommt auch, dass es immer wieder wahnhaft denkende Despoten in der Zukunft unseres Weltgeschehen geben wird. Wie wahr ist diese Aussage! 

Dieses besondere Buch möchte ich euch gerne ans Herz legen und empfehle es mit FÜNF ***** STERNEN. 


INHALT/KLAPPENTEXT:

Das Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels 2020

Eine zeitlose und geradezu zärtliche Geschichte über die Bedeutung und Kraft menschlicher Beziehungen

Der junge Robert weiß schon früh, dass er wie alle Männer seiner Familie Bergarbeiter sein wird. Dabei ist ihm Enge ein Graus. Er liebt Natur und Bewegung, sehnt sich nach der Weite des Meeres. Daher beschließt er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sich zum Ort seiner Sehnsucht, der offenen See, aufzumachen. Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen. In den Gesprächen mit Dulcie wandelt sich sein von den Eltern geprägter Blick auf das Leben. Als Dank für ihre Großzügigkeit bietet er ihr seine Hilfe rund um das Cottage an. Doch als er eine wild wuchernde Hecke stutzen will, um den Blick auf das Meer freizulegen, verbietet sie das barsch. Ebenso ablehnend reagiert sie auf ein Manuskript mit Gedichten, das Robert findet. Gedichte, die Dulcie gewidmet sind, die sie aber auf keinen Fall lesen will.
Ausgezeichnet als »Lieblingsbuch der Unabhängigen« 2020! 


BENJAMIN MYERS, geboren 1976, ist Journalist und Schriftsteller. Myers hat nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher und Lyrik geschrieben. Für seine literarischen Arbeiten hat er mehrere Preise erhalten. Sein Roman ›Offene See‹ (DuMont 2020) stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und wurde mit dem Preis des unabhängigen Buchhandels als Lieblingsbuch des Jahres ausgezeichnet. 2021 erschien ›Der perfekte Kreis‹ (DuMont). Er lebt mit seiner Frau in Nordengland.

ÜBERSETZUNG: 

ULRIKE WASEL und KLAUS TIMMERMANN, beide 1955 geboren, haben Anglistik in Düsseldorf studiert. Seither arbeiten sie als Übersetzerteam und haben u. a. Dave Eggers, Tana French, Andre Dubus III., Harper Lee, Jeanette Walls, Zadie Smith und Delia Owens ins Deutsche übertragen.


 

Dienstag, 1. Oktober 2024

*Die Herrin der Vögel* von Bachtyar Ali - erschienen im Unions Verlag

 

*Werbung, unbezahlt*

Verlagslink

Eine märchenhafte Suche nach Liebe, Heimat und Hoffnung.

Inhalt/Klappentext: 

Stunde um Stunde verbringt die junge Sausan in der Bibliothek ihres Vaters. Wegen ihrer Gesundheit zu einem Leben am immer selben Ort verdammt, entdeckt sie die Vielfalt der Welt durch ihre Bücher: Sie liest von fernen Städten und alten Völkern, von Meerestieren, Motoren und wundersamen Pflanzen. Sie ist sich gewiss: Sollte sie je heiraten, dann einen Mann mit weltoffenem Geist, der die Liebe zu Geschichten im Herzen trägt.

Als gleich drei Verehrer um ihre Hand anhalten, stellt sie ihnen eine Aufgabe: Acht Jahre lang sollen sie die Ferne bereisen und ihr nach Ablauf dieser Zeit einhundert Vögel zurückbringen. Dann wird sie ihre Berichte hören, jedem in die Augen schauen und prüfen, ob sie darin den Reichtum dieser Welt erblickt.

Ausführliche Biografie des Autor:

Bachtyar Ali ist der bekannteste zeitgenössische Schriftsteller und Poet des autonomen irakischen Kurdistan. Er wurde 1966 in Sulaimaniya (Nordirak) geboren. 1983 geriet er in Konflikt mit der Diktatur Saddam Husseins, wurde bei Studentenprotesten verletzt und brach sein Geologiestudium ab. Er widmete sich der Poesie und erhielt noch im selben Jahr seinen ersten Preis für sein Gedicht Nishtiman (Heimatland). Sein erster Gedichtband Gunah w Karnaval (Sünde und Karneval) erschien 1992.

Nach dem Aufstand von 1991 und der damit verbundenen teilweisen Autonomie boten sich den Schriftstellern und Intellektuellen in den kurdischen Gebieten bisher ungekannte Artikulationsmöglichkeiten. Bachtyar Ali intensivierte seine eigene schriftstellerische Tätigkeit und widmete sich gleichzeitig der philosophischen Zeitschrift Azadi (Freiheit). Sein umfangreiches Werk umfasst Romane, Gedichte und Essays. In Kurdistan gewann er großes Ansehen durch seine unparteiische Haltung und seine offene Kritik an den politischen und sozialen Verhältnissen in seiner Heimat.

2005 kürte das Bildungsministerium des autonomen irakischen Kurdistan den Roman Die Stadt der weißen Musiker zum besten Buch des Jahres. 2009 erhielt er als Erster den HARDI-Literaturpreis, der zum größten Kulturfestival im kurdischen Teil des Irak gehört. 2014 wurde er mit dem neu eingerichteteten Sherko Bekas-Literaturpreis ausgezeichnet.

Bachtyar Ali lebt seit Mitte der Neunzigerjahre in Deutschland. 2017 wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis ausgezeichnet, 2023 erhielt er den Hilde-Domin-Preis.


Meine Meinung zum Buch: 

Sausan und Prusche aus Bagdad, die beiden erwachsenen Töchter von Fikrat Guldantschi ziehen mit ihrem Vater während des Krieges in die nördliche, kurdisch geprägte Provinz des Irak. Die wunderschöne, aber kränkliche Sausan zieht sich immer mehr in die riesige Bibliothek ihres Vaters zurück und lebt in ihrer Welt der Bücher und Geschichten. Verwandte und Bekannte empfinden das als sonderbar und können das Mädchen nicht verstehen. Sie bekommt trotz des Befremdens der Stadtbewohner  drei Heiratsanträge und stellt den jungen, bekannten Männern aus der Stadt eine ungewöhnliche Aufgabe. Sie sollen eine Reise in die Ferne von acht Jahren absolvieren und einhundert Vögel mitbringen, von ihren Abenteuern berichten und Sausan schildern wie sie den Reichtümern unserer Welt begegnet sind. Die drei Hochzeitsbewerber sind einmal ein Student, ein Kaufmann und ein stadtbekannter Messerheld.

Schon der blumige Titel des Buches hat mich an viele märchenhafte Bücher erinnert, die mir im Laufe meiner Lebens - Lesezeit begegnet sind. Es war ein poetisches Märchen, doch gleichzeitig auch ein politisches Buch zur hochbrisantem Thematik des Lebensumfeldes der Kurden im Nordirak, Syrien und der Türkei. Diese beiden Genres so geschickt zueinanderzufügen, dass man als Leser gefesselt wird von der Geschichte ,  zeugt von grosser Schreibkunst. Man wird vom Autor aus den poetischen und schönen Vorstellungen und Sätzen geschickt in die dortige Realität des Irak geleitet. Plötzlich befindet sich man inmitten von kriegerischen Auseinandersetzungen , Tod und Gewalt. Ich bin oft aufgeschreckt und hatte sofort eindringliche und anstrengende Bilder aus der gewalttätigen Vergangenheit und Gegenwart im Kopfkino. Der Autor schafft es allerdings auch, die Liebe der Menschen zueinander, ihre Träume, Wünsche und Fantasievorstellungen farbig darzustellen. Die Lektüre regt zum Nachdenken in viele Richtungen an. 

Es war für mich eine Reise in eine völlig fremde und unbekannte Welt . Danke dafür. 

Meine Bewertung: FÜNF *****Sterne für dieses grossartige Buch. 

Herzlichen Dank an den Autor und den Unionsverlag für die Zusendung des gebundenen Rezensionsexemplar.