*Werbung. Unbezahlt, Rezensionsexemplar*
Erschienen am 20.2.26
https://www.chbeck.de/haelterlein-toechter/product/39931273
Oliwia Hälterlein, geboren 1986 in Bydgoszcz, ist Autorin, Dramaturgin, Moderatorin und Dozentin. Sie studierte Slawistik, Vergleichende Literatur-, Kultur- und Theaterwissenschaft in Salzburg, Krakau, Berlin und ist Absolventin des renommierten Deutschen Literaturinstituts in Leipzig (DLL). 2020 erschien ihr Essay «Das Jungfernhäutchen gibt es nicht» im Maro Verlag. «Wir Töchter» ist ihr Debütroman.
REZENSION:
Dieser interessante Debütroman der jungen Autorin konfrontiert die Leser*innen mit den absolut unterschiedlichen Lebensläufen dreier Frauen einer polnisch stämmigen Familie.
Marianna, Róza und Waleria aus Polen kommen auf unterschiedlichen Wegen und in verschiedenen gesellschaftlichen Zeiten mit Deutschland in Berührung. Sie machen jeweils ganz persönliche Erfahrungen im positiven wie auch im negativen Sinne. Der Roman erzählt feinfühlig und voller Empathie mit den drei Frauen diese Erlebnisse und zeigt uns Leser*innen wieviel gesunder Menschenverstand, Charakterstärke und Durchsetzungsvermögen in jeder dieser Frauen unterschiedlicher Generationen steckt. Er erklärt auch feinfühlig und leidenschaftlich wie sie ihre Beziehungen zueinander mit viel Liebe, Zuneigung, aber auch lebensnaher Kritik, realistisch betrachten und/oder bewertet haben.
Die Autorin erzählt in bunter und der Situation angepasster Sprache, lebhaft und sehr genau das polnische Leben aus dem ländlichen Bereich, den Städten, aus Zeiten des Krieges und der Umbrüche nach der kommunistischen Herrschaft. Sie beobachtet wie sich die Migrationserlebnisse der beiden letzten Generationen mit der familiären Prägung durch Grossmutter Marianna vermischt haben. Auch beeindruckt beim Lesen, wie sich die zärtliche und verständnisvolle Beziehung zwischen der im Erwachsenenalter kinderlosen Enkeltochter Waleria und der Grossmutter entwickelte.
Olivia Hälterlein berichtet in mehreren Zeitsträngen, die oft sehr abrupt beginnen oder enden. Es bedarf eines genauen, ruhigen Lesestils und guter Orientierung im Text um damit klar zu kommen. Die Autorin hat laufend polnische Begriffe, kurze Redewendungen in polnischer Sprache in ihrem Roman eingebunden. Das wirkt stilistisch sehr interessant und bringt die Leser*in eine stimmige Atmosphäre. Diese Ausdrücke werden zwar in einem Glossar übersetzt, aber längst nicht alles wird erwähnt und ich habe mich sehr in meinem Lesefluss dadurch stören lassen. Das empfand ich als sehr schade für diese ungewöhnlichen und guten Debütroman und ich hoffe sehr, dass sich Leser*innen dadurch nicht vom Buch abschrecken lassen. Denn dieser Roman beschreibt ein sehr treffendes Gesellschaftsbild über vergangene und aktuelle, heute bestehende Beziehungen zwischen Polen und Deutschland und ist eine absolute Leseempfehlung.
VIER **** STERNE.
Herzlichen Dank an die Autorin und den C.H.Beck Verlag für die Zusendung des gebundenen Leseexemplar.
INHALT / KLAPPENTEXT:
Die Geschichten von Frauen werden nicht vergessen, sie werden oft gar nicht erst erzählt
"Wir sind Magd, Köchin, Frau, Mutter, Tochter, Schwester. Wir können alles gleichzeitig, umkreisen uns selbst und alle anderen, bis uns schwindelig wird. Wir leben im Sand, auf zerriebener Zeit, auf Wegen ohne Spuren. Wir sind Schwestern und wir sind Töchter und wir sind nicht blutsverwandt. Wir sind auf Sand gewachsen. Unter Birken, Kiefern und Trauerweiden. Wir sind im Sand verwurzelt. Unsere Verwandtschaft liegt im Sand."
Eine Familie, zwei Jahrhunderte, drei Frauen - ihre Geschichten sind miteinander verwoben wie die Seidenfäden der Spinnen am Ende eines langen Sommers. Die Großmutter, Marianna, wächst am Ende des Zweiten Weltkriegs auf und führt das Leben einer einfachen Bäuerin.
Ihre Tochter Róza wäre im vom Sozialismus geprägten Dorf ihrer Mutter geblieben, wäre da nicht Szymek mit den feinen Händen. Wären da nicht die Stadt Gdansk und Schuhe, die auf Asphalt klackern. Wäre da nicht die Solidarnosc-Revolution. Und wäre da nicht irgendwann ein Kind, dem Róza ein Zimmer für sich allein wünscht.
Róza verlässt Polen Ende der 1980er Jahre und ihre Tochter Waleria wächst im Westen des wiedervereinigten Deutschlands auf. Sie verlernt ihre Muttersprache und die Welt ihrer Babcia Marianna, einst ihr Zuhause, rückt in immer weitere Ferne. Doch als die erwachsene Waleria erfährt, dass sie keine Kinder bekommen kann, stellen sich ihr unerwartete Fragen: Was bedeutet es, die Letzte zu sein? Was schuldet Waleria den Frauen in ihrer Familie? Und welche Geschichten gehen mit ihr zu Ende?
Mit poetischer Klarheit und erzählerischer Raffinesse verknüpft Oliwia Hälterlein Alltag und Erinnerung, Körper und Sprache, Herkunft und Zukunft - und beschreibt das unsichtbare Band, das die Frauen einer Familie verbindet.