Mittwoch, 15. Juli 2026

*Orion* von Petra Morsbach - erschienen im Penguin Verlag

*Werbung, unbezahlt*



INHALT / KLAPPENTEXT: Nora lernt bei einem Studentenjob ihren späteren Mann kennen, einen Archivar. Sie wird Lehrerin für Deutsch und Geschichte in einem oberbayerischen Gymnasium, zieht einen Sohn auf, wird geschieden. Nach einem Nierenversagen muss sie mit sechzig den Schuldienst verlassen und beginnt in einem Literaturarchiv zu arbeiten. Es ist ein unauffälliges Leben mit der einzigen Besonderheit, dass es von Büchern begleitet wird: Von den Sechzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts bis zur Gegenwart bleibt Nora eine leidenschaftliche Leserin. Regelmäßig gleicht sie ihre Erfahrungen und auch die Erschütterungen der Gegenwart bis hin zum Ukraine-Krieg mit ihrem durch Literatur gewonnen Wissen ab und trifft mal mehr, mal weniger glückliche Entscheidungen. Wie gut lässt sich Bildung vermitteln? Was bringt sie letztlich – Freuden, Erkenntnis, Ernüchterung? Besteht sie im Alltag, obwohl das Leben so viele Pläne blamiert? Wie weit hilft Kultur im Umgang mit menschlichen Abgründen? Oder wäre sonst alles viel schlimmer?

Petra Morsbach, geboren 1956, studierte in München und St. Petersburg. Danach arbeitete sie zehn Jahre als Dramaturgin und Regisseurin. Seit 1993 lebt sie als freie Schriftstellerin in der Nähe von München. Bisher schrieb sie mehrere von der Kritik hoch gelobte Romane, u.a. »Opernroman«, »Gottesdiener« und »Justizpalast«. Zuletzt erschien bei Penguin der Essayband »Der Elefant im Zimmer«. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Jean-Paul-Preis. 2017 erhielt sie den Roswitha-Literaturpreis der Stadt Bad Gandersheim und den Wilhelm-Raabe-Preis. 

Meine Meinung zum Buch: 

Wir verfolgen im Buch das Leben der Deutsch - und Geschichts - Lehrerin Nora Dellenbrücker , teilweise aufgewachsen bei Oma Auguste, der Mutter des Vaters, die sich für ihre grosse  Familie aufgeopfert hatte. Zu ihrer eigenen Mutter Oma Friedchen zeichnet die Autorin ein merkwürdig farbloses und emotionsloses Bild für die Leser*innen auf. 
Nora heiratet den Archivar Theseus, ziehtn mit ihm den gemeinsamen Sohn Enni auf. Eine Scheidung folgt, forciert durch Nora's Affäre mit dem bodenständigen Baumchirurgen, Forstmann und Grosswildjäger Bruno. Eine schwere Nierenerkrankung zwingt sie in ihren letzten Jahren an die Dialyse und  fesselt sie an ihre häusliche Umgebung. 

Nora liebt lebenslang die Klassiker der Antike und deren Philosophische Denkansätze. Sie versucht in ihrem langjährigen Berufsleben viele dieser demokratischen Werte an ihre Schüler*innen und auch an ihre Familie zu vermitteln. Lebenslang versucht sie die Menschen ihres
 realen Umfeldes mit ihren geliebten, philosophischen Büchern und deren Protagonisten zu vergleichen. 
Zitat Seite 249 : " Nicht alle Menschen verwirklichen sich als Bücher, so wie nicht alle Autoren sich als Menschen verwirklichen. " 

Der angenehm und flüssig zu lesende Schreibstil der Autorin hat mir sofort zugesagt , auf den über vierhundert Seiten gut unterhalten und zum Nachdenken und Mitfühlen der Ich-Erzählerin Nora mitgenommen. 

Dieser von einem intellektuell geprägten Denken Frau und Lehrerin hat im Roman nur eines gefehlt: Herzenswärme, echte Zuneigung, Liebe und Sympathie für viele ihre Mitmenschen und Schüler*innen. Diese zutiefst menschlichen  Eigenschaften habe ich während der ganzen Lektüre schmerzlich vermisst. Wissenschaftliche Bildungselemente wurden von ihr super korrekt vermittelt. Sie hat ihre Schüler*innen perfekt gefördert, ihre Familie gut begleitet, doch immer ohne eine echte emotionale Bindung, eher kühl und fast abwesend. Im Kapitel *Bank* wird diese kalte Betrachtungsweise aus der sicheren, emotionslosen  Ferne der Zuhörerin Nora besonders gut erkennbar. Die Erzählungen von Lebenswegen  anderer Mitmenschen berühren sie kaum. Nora lauscht unbeteiligt,  fast wie beim Betrachten eines wissenschaftlichen Experimentes. Das hat mich in meinem Lesefluss behindert, sogar ein wenig verstört. Ich konnte Nora's philosophisch geprägte Gedankenwelt über klassische Lektüren, übertragen auf Menschen, deren Erlebnisse und Gefühle nicht gut nachvollziehen. Auch die unterkühlte  Beziehung von  ihrem erwachsenem  Sohn Enni  zu ihr hat mich deswegen nicht verwundert. Kaum jemand hat Zugang zu Noras wirklichem  Innenleben bekommen. Sie hat sich verschlossen wie eine Auster im Meeresstrom. Nora ist eine gute Beobachterin , aber ob sie mit ihrer Umwelt wirklich mitfühlen konnte bezweifle ich sehr. 

Meine Bewertung:  es ist ein sehr lesenswertes Buch mit VIER **** Sternen ! 

Herzlichen Dank an die Autorin und den Pinguin Verlag für das gebundene Print-Rezensionsexemplar! 

 


 





 

 

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