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Mittwoch, 31. Oktober 2018

*Zurück nach Fascaray* von Annalena McAfee, erschienen im Diogenes Verlag

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REZENSION

Inhalt/Klappentext:

Nach einer schmerzhaften Trennung zieht Mhairi McPhail mit ihrer Tochter von New York nach Fascaray. Auf der abgelegenen schottischen Insel, von der ihre Familie stammt, erwartet sie ein neues Leben – und ein Forschungs­auftrag über den exzentrischen Grigor McWatt, der zu einer Art Natio­naldichter geworden ist. Eine Identitäts- und Spurensuche vor grandioser Landschaft, in der Mhairi über McWatt – und sich selbst – Überraschendes erfährt.

Mehr zum Inhalt
Fascaray – eine abgelegene schottische Insel, deren Natur grandios und deren Einwohner rauhbeinig, humorvoll und liebenswert sind. Annalena McAfees fiktive Insel verkörpert alles, was Schottland ausmacht: seine dramatische Landschaft und ebenso dramatische Geschichte, seine Eigenständigkeit und Eigenwilligkeit. Hier strandet, nachdem ihre langjährige Beziehung in New York Schiffbruch erlitten hat, die Literaturwissenschaftlerin Mhairi McPhail. Nicht nur liegen ihre eigenen Wurzeln in Fascaray, sie schreibt an einer Biographie über den Inseldichter Grigor McWatt, einen Exzentriker, Eigenbrötler und stolzen schottischen Patrioten, der mit dem Text zum Song ›Zurück nach Fascaray‹ weltberühmt geworden ist. Doch während Mhairi und ihre neunjährige Tochter Agnes sich an die Rhythmen des Insellebens gewöhnen, stößt sie bei ihren Nachforschungen auf immer widersprüchlichere Informationen zum »Barden von Fascaray« – und auf ein Geheimnis, das mit einer großen, tragischen Liebe verquickt ist.

Autorin: Annalena McAfee

Annalena McAfee wurde in London als Tochter einer Schottin und eines irischen Vaters aus Glasgow geboren. Sie war Kunst- und Literaturredakteurin bei der ›Financial Times‹ und gründete die Kunst- und Literaturbeilage des ›Guardian‹ und die ›Saturday Review‹, die sie sechs Jahre lang herausgab. ›Zurück nach Fascaray‹ ist nach ›Zeilenkrieg‹ ihr zweiter Roman. McAfee lebt mit ihrem Mann Ian McEwan in der Nähe von London.

Meine Meinung zum Buch:

Das wunderschöne Cover mit dem türkisfarbenen Strand , im typischen Diogenes-Layout gehalten,  hatte mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht und ich hatte nach kurzer Zeit ca. 980 Seiten in  der Hand. Trotzdem war das Format handlich, gut zu lesen, da die Seiten hauchdünn bedruckt waren. 
Nach der Verlagsinfo freute ich mich nun auf die aufregende Zeit auf dieser schottischen Insel. Doch wo lag sie?? Ich fand sie nicht in der realen Welt und auch der exzentrische Autor Grigor McWatt war für mich unauffindbar. Nach vielen Seiten ungestörten Lesegenusses und des Verfolgens der Ausführungen der beiden Hauptprotagonistinnen Mhairi und ihrer Tochter Agnes kam mir ein leiser Verdacht, der mir fast unglaublich erschien. Ich recherchierte - und tatsächlich bewahrheiteten sich meine Gedanken .  Die Insel und der Inselbarde waren eine rein fiktive Erfindung der exzellenten Autorin Annalena McAffe.  Aber das Schottland, welches sie in ihrem intelligent und interessant aufgezogenen Buch vorstellte, war sehr real. Ich schwelgte in herrlichen Landschaftsbeschreibungen, Kochrezepten der schottischen Küche, schottischer Geschichte und Literatur, Pflanzen- und Tierlisten, Berichten über Fauna, Flora, Wetter und schottischen menschlichen Originalen, sowie über Auflistungen von schottischen Ausdrücken , die mich fast verführt hätten, diese Sprache zu erlernen. All das fand sich im sogenannten McWatt-Kompendium, einer Art Tagebuch des fiktiven Gelehrten. 

Die Beziehung von Mhairie zur Tochter Agnes und dem  vielleicht wahren Grund ihres Forschungsaufenthaltes auf der Insel kamen auch nicht zu kurz. Kann die Liebe zur Heimat  tatsächlich so gross sein, dass Mhairie tatsächlich dort für einige Zeit mit der Tochter leben mochte, oder war es eine Flucht aus unglücklichen Lebensumständen?

Ich habe immer wieder gestaunt über die Beharrlichkeit und Überzeugungskraft der Autorin diese fiktiven Ausführungen so verständlich und realistisch zum Leser zu transportieren. Es hat sich gelohnt, diese vielen Seiten zu geniessen und ich werde das Buch sicher öfter in die Hand nehmen um etwas nachlesen.  
Dieses Buch ist ein wahres Juwel und ein *MUSS* für jeden Schottland Liebhaber/rin !  

Meine Bewertung: FÜNF ***** STERNE für dieses grossartige Werk!

Mein Dank geht an die Autorin und den Diogenes Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplares!


Dienstag, 30. Oktober 2018

*Die Jahre der Leichtigkeit* von Elizabeth Jane Howard , erschienen bei dtv Deutsche Verlagsgesellschaft

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Wer sich die kommenden dunklen Monate mit einer langen , ausufernden Familiensaga versüssen möchte, sollte nun mit dem ersten Teil dieser fünfteiligen Reihe beginnen. Band zwei dieser Reihe erscheint am 30. November 2018 . Ich bin noch mittendrin im England dieser Zeit, im ersten Band,  und voll begeistert dabei. Infos zur Autorin, die 2014 verstorben ist, nachfolgend:



Lebenslauf von Elizabeth Jane Howard

Wenn Bücher das Leben spiegeln: Es ist nicht leicht, die Romane von Elizabeth Jane Howard auf ein Genre festzulegen. Von Liebesgeschichten bis zu Familiendramen haben sie eines gemeinsam: Sie sind fest verwurzelt im Leben der Autorin und dem England ihrer Zeit. Elizabeth Jane Howard wurde 1923 in London geboren, wo sie später Domestic Sciences und Drama studierte. Sie arbeitete als Model, Schauspielerin und Moderatorin, bis 1951 ihr erster Roman erschien. „The beautiful Visit“ erzählt von einem jungen Mädchen, das den Zwängen des Familienlebens entflieht. Sie erhielt dafür den John Llewellyn Rhys Prize. Der Nachfolgeroman „The Long View“ beschreibt die Chronologie einer Ehe, beginnend mit deren Ende. Howard selbst war dreimal verheiratet, aus ihrer ersten Ehe stammt eine Tochter. 2002 verarbeitete sie all dies in ihrer Autobiografie „Slipstream“. Berühmtheit erlangte Howard erst spät in ihrer Karriere. Die Familiensage „Cazalet Chronicles“, über das Leben von drei Generationen einer gutbürgerlichen englischen Familie in den Jahren 1937 bis 1957, wurde ihr erfolgreichstes Werk. Die Romane sind eng an Howards eigene Familiengeschichte angelehnt sowie an die historischen Veränderungen im England dieser Zeit. Der letzte der fünf Bände erschien 2013 und war damit Howards letzter Roman vor ihrem Tod im Januar 2014.

Klappentext/Inhalt:
Band 1: England, 1937. Zusammen mit ihren Familien kehren die Cazalet- Brüder Hugh, Edward und Rupert wie jeden Sommer in das Haus ihrer Kindheit im Herzen von Sussex zurück. Vor ihnen liegen herrlich lange Ferienwochen. Doch die unbekümmerte Stimmung ist trügerisch: Der Zweite Weltkrieg wirft seine Schatten voraus, und auch innerhalb der Familie schwelen Konflikte.



Hier findet ihr eine Leseprobe: https://bic-l.de/9AuT90

Meine Meinung:  Nun bin ich endlich am Ende des ersten Bandes dieser beeindruckenden und warmherzig geschriebenen Familiensaga angekommen. Dieser erste Band von fünf folgenden ist in zwei Teilen von der im Jahr 2014 verstorbenen Autorin verfasst worden und macht den Leser mit den vielen Personen der Familie Cazalet bekannt. Ein ausführlich aufgezeichneter Stammbaum auf den ersten Seiten erleichtert das Zurechtfinden in der grossen Familie ungemein. Englisches Landleben einer hochangesehenen und wohlhabenden Grossfamilie vermittelt dieser Roman mit zeitlich gebundenen Wertvorstellungen aus den damaligen Gesellschaftskreisen. Höflichkeit, Bescheidenheit und das Vermeiden von Kränkungen anderer Menschen stand an erster Stelle im Benimm-Kodex. Über alle Familienmitglieder und ihre Verhaltensweisen und auch Gesundheit wachte die über siebzigjährige Dutchy mit ihrem Ehemann Brig. Ihre drei Söhne, Schwiegertöchter und Enkel verehrten sie unglaublich und die ledige Tochter Rachel hielt es ebenso.

Der Schreibstil liest sich gut und flüssig. Ich bin gebannt den Ausführungen und Vorstellungen , auch der Kinder-Charaktere gefolgt. Es entstanden Bilder von warmen Nachmittagen im duftendem Rosengarten der Dutchy vor Augen, sowie auch Strand - und Badeausflüge zum Meer mit Picknick und spannende Tennismatches innerhalb der bunt gemischten Familie untereinander im Kopf. Die Zeiten der mit allen Familienmitgliederns einzunehmenden Mahlzeiten wurden streng eingehalten , sowie auch Ruhezeiten nach dem Mittag für alle. Alle Eigenheiten der erwachsenen Kinder von Dutchy und Brig hat die Autorin liebevoll  und individuell ausgearbeitet , auch die Kindercharaktere der Enkel werden mit absolutem Einfühlungsvermögen in ihre Psyche dargestellt. Der Ferienalltag, vom Dienst-Personal bequem vorbereitet und in vielen Alltagsszenen geschildert, macht fast neidisch. Diese Familie hat unglaublichen Luxus trotz aller Bescheidenheit als normal und selbstverständlich gefordert und hingenommen.
Es war einfach eine andere Zeit! Eben ein grosses Anwesen mit viel Personal. Geldprobleme gab es nicht. Ein paradiesischer Zustand denkt man als Leser, aber es lauern  unausgesprochene, angedeutete Beziehungskonflikte, die heutigen zwischenmenschlichen Problemen nicht unähnlich sind. Das angeblich harmonische Familienleben ist oft  nur ein gewünschter, äusserer Schein, der nicht der Wirklichkeit entspricht. Auch der drohende Ausbruch eines neuen Krieges lässt dunkle Wolken aufziehen und die allgemeine Harmonie und Zufriedenheit bekommt Risse.
Ich möchte hier nicht jede Person vorstellen, das würde zu weit führen. Den eigenen Eindruck muss und kann sich jeder Leser persönlich erlesen. Die Vielfalt und Unterschiedlichkeit  der Menschen ist auch in dieser Familie unglaublich gross und beeindruckend. Dieses Buch gibt jüngeren Lesern einen guten Einblick in eine vergangene Welt und ältere Leser erinnern sich eventuell wehmütig an diese Jahre vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieg zurück.  

Meine Bewertung: FÜNF ***** Sterne für diese grossartige Familiensaga. 

Herzlichen Dank an den dtv-Verlag für dieses fantastische Rezensionsexemplar. Ich bin sehr gespannt auf die folgenden Bände.       


Dienstag, 23. Oktober 2018

*Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben* von António Lobo Antunes, erschienen im btb Verlag

*Werbung*
Info Link zum Verlag und Autor

Vita des Autors und der Übersetzerin:
António Lobo Antunes (Autor)

António Lobo Antunes wurde 1942 in Lissabon geboren und hat Medizin studiert. Während des Kolonialkrieges war er als Militärarzt in Angola, arbeitete danach in der Psychiatrie und war lange Jahre Chefarzt in einer Psychiatrischen Klinik in Lissabon. Heute lebt er als Schriftsteller in seiner Heimatstadt. Lobo Antunes zählt zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. Sein umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Preisen, zuletzt dem Camões-Preis, ausgezeichnet und ist in vierzig Sprachen übersetzt.

Maralde Meyer-Minnemann (Übersetzerin)

Maralde Meyer-Minnemann, geboren 1943 in Hamburg, erhielt 1992 den "Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzungen", 1997 den Preis "Portugal-Frankfurt", 1998 den "Helmut-M.-Braem-Preis" und wurde 2005 für den "Preis der Leipziger Buchmesse" nominiert.


INHALT/KLAPPENTEXT:

Eine Frau Anfang fünfzig fährt für ein Wochenende an den Strand. Das Ferienhaus ihrer Familie, an der Atlantikküste nördlich von Lissabon gelegen, ist verkauft worden, und sie möchte Abschied nehmen, ihren Erinnerungen an die Kindheit, an die gemeinsamen Sommer dort nachhängen. Doch die Vergangenheit bricht regelrecht über sie herein, und der Kurzurlaub gerät ihr zur Abrechnung über ihr Leben, zur Rückschau auf das ganze Drama ihrer Existenz. In diesen drei Tagen weichen ihre Erinnerungen an die glücklichen Zeiten der Kindheit einem immer bedrohlicheren Strudel der Verzweiflung …

Rezension

Meine Meinung: 

Es ist auch sicher nicht jedem Leser gegeben dieses Buch zu lesen. Der komplizierte und anspruchsvolle Schreibstil braucht einige Zeit um beim Lesenden im Kopf anzukommen und die Sortierung der Aussagen des Autors  sind nicht einfach zu erledigen. Wenn man sich allerdings nach vielen Seiten anstrengenden Lesegenusses darauf eingestellt hat, funktioniert es gut.

Drei Tage aus dem Leben der nicht bei Namen genannten ca. fünfzigjährigen Frau werden vom Autor in drei Teilen beschrieben. Je mehr ich in das Buch, die Stimmung und die Charaktere der Frau, ihrer Kindheit, ihrer Eltern und der zwei Brüder eingetaucht bin, desto grösser wurde mein Unbehagen und ein unbestimmtes Gefühl von Traurigkeit, Mitleid, Verstehen und Nicht-Verstehen ergriff mich. Dieses Buch machte mich depressiv und ich habe es immer wieder aus der Hand legen müssen, da es mich bedrängt und verfolgt hat. Es endet tragisch, bitter - für die Familie und auch für die Frau.

Hier eine Kostprobe des Schreibstils:

Zitat Seite 63/64

" - Ich bin hier

wie auch das Fahrrad

-Ich bin hier

und die Pullis meines ältesten Bruders in der Schublade 

-Wir sind alle hier

in dem Augenblick, als ich es gebraucht hätte, dass er mich

huckepack nahm, im Garten eine Runde im Galopp drehte und

ich glücklich

-Schneller

ich so glücklich

-Schneller Bruderherz

und wir springen über ein Beet, zwei Beete, der Brief an

die Vase gelehnt und der Krankenwagen, darin ein Ertrunke-

ner, wir springen über die Leute an der Gartenpforte, die leisen

Gespräche

-Ganz schnell Bruderherz"

Ich hoffe ihr konntet einiges aus dem Schreibstil erlesen, der recht ungewöhnlich ist. 
Dieses wehmütig verfasste Buch hat mich nicht wirklich erreicht und begeistert, aber es ist mit Sicherheit ein gutes Buch vom bekannten und angesehenem Autor António Lobo Antunes!
Meine subjektive Bewertung: *** Drei gute Sterne!

Mein Dank gilt dem Autor und dem Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares!

  











Montag, 8. Oktober 2018

*Blogpause*

                                     

                                          BLOGPAUSE
                                                    BIS

                                          21.10.2018


Sonntag, 7. Oktober 2018

*Neu Jahr* von Juli Zeh, erschienen im Luchterhand Verlag

*Werbung*

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau.

Schon ihr Debütroman „Adler und Engel” (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt.

Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) sowie dem Literaturpreis der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt (2017).


Rezension

Klappentext/Inhalt/Auszug:

Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder.

MEINE MEINUNG: Vorsicht SPOILER.

Mein erster Lese-Eindruck erstaunte mich sehr. Wie gut und mit so viel Einfühlungsvermögen hatte Juli Zeh als junge, emanzipierte Frau, Mutter und Schriftstellerin das Porträt eines jungen Familienvaters unserer heutigen Zeit erstellt! Henning kümmert sich vorbildlich um seine kleine Familie, hat die typische Rolle eines Familienvater der früheren Generationen abgelegt.  ER hat seine Arbeitszeit reduziert , hilft seiner jungen, hübschen Frau. ER richtet sich voll nach den Wünschen seiner eigenwilligen Kinder, hat eine tolle Beziehung zu ihnen  und und fühlt sich dennoch - UNGLÜCKLICH.  Zweiundneunzig Seiten verfolge ich gebannt seinen Radausflug auf Lanzarote, erkenne ES , habe Mitleid mit ihm und seinen Panikattacken (ES), die ihn aus heiterem Himmel anfallen und versuche seine plötzlich aufkeimende WUT auf alles, sein Leben, seine Frau und Kinder zu verstehen. Die WUT gesellt sich zu ES als gleichwertiger Partner, die ihn, Henning,  vernichten will.  Die Autorin hat all diese Emotionen des jungen Mannes meisterhaft  und verständlich zum Leser transportiert. Man spürt förmlich seine körperliche Anstrengung, seine Muskelkrämpfe, seinen Durst und Hunger und seine Verzweiflung. Er ist ohne Essen aufgebrochen, aber sein echtes  Leid sind seine inneren Ängste, die ihn überrollen wollen. Meine Spannung steigt in dem Maß, wie die Serpentinen, die Hennig dem Bergdorf Femés auf dem Berg entgegenführen. Der Schreibstil vermittelt mir ein typisches Juli Zeh-Gefühl.

 Doch dann passiert es - ich werde von der Autorin gezwungen die Leseperspektive zu tauschen, tauche in eine neue Geschichte ein und zwar in die Empfindungen eines kleinen Jungen und seiner Schwester.  Juli Zeh verführt mich atemlos und voller Schreckenserkentnisse in einen fesselnden  Psychothriller, den diese kleinen Wesen erdulden müssen. Die Erkenntnis kommt schlagartig. Ich begegne Henning und seiner jüngeren Schwester in ihrer Kindheit, allein gelassen, auf sich gestellt. Sie kämpfen um ihre elementarsten Bedürfnisse und auf Henning, als dem Älteren Kind, liegt eine schwere Verantwortung. Diesen kleinen, unschuldigen Kindern hat die Autorin geschickt und mit viel Wissen um die kindliche Psyche, viele Eigenschaften zugeordnet. Hassgefühle, Aggressionen auf die kleine Schwester wechseln mit unbändiger Zärtlichkeit und Liebe in Hennings Persönlichkeit einen ständigen Kampf miteinander. Er verzweifelt an seiner Unfähigkeit für sie beide sorgen zu können, wie er es von den Eltern gesehen hat. Ich leide, weine und kämpfe mit diesen kleinen Geschwistern. Ich bin geschockt, aber das allerschlimmste für mich folgt noch am Ende des Buches. Meine eigene Erkenntnis, dass nichts wieder gut zu machen ist, oder dass diese seelischen Verletzungen vollständig zu heilen sind.

Juli Zeh verwehrt dem Leser jede Hoffnung auf  ein Vergeben der schuldigen Eltern - und das zurecht. Diese schlimme Verletzung und Traumatisierung der Kinder um Leib und Leben in jungen Jahren hat sie für ein Leben lang unbewusst und  furchtbar gezeichnet. Sie werden keine Ruhe finden und Ängste in jeder Form werden sie immer wieder heimsuchen. Und doch beginnt nach dieser Erkenntnis für Henning und seine kleine Schwester ein NEUES JAHR im wahren Sinne des Wortes - ein Neubeginn!

Ein trauriges Buch, aber es ist eine beeindruckende, schriftstellerische Leistung der Autorin. 
Sie hat zwischen den beiden Geschichten in einem Buch einen verbindenden Bogen zum besseren Verständnis des Protagonisten verknüpft und den Leser zu einem eigenständigen Beurteilen des Geschehens geführt. 

MEINE BEWERTUNG: VIER **** STERNE für eine traurige Geschichte, die mich sehr deprimiert hat.  

Trotzdem Danke Juli Zeh für dieses Buch! Mein Dank gilt auch dem Luchterhand Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplar.    

Montag, 1. Oktober 2018

*Hippie* von Paulo Coelho, erschienen im Diogenes Verlag


Paulo Coelho

Paulo Coelho, geboren 1947 in Rio de Janeiro, lebt heute mit seiner Frau Christina Oiticica in Genf. Alle seine Romane (insbesondere ›Der Alchimist‹, ›Veronika beschließt zu sterben‹, ›Elf Minuten‹, ›Untreue‹ und zuletzt ›Die Spionin‹) sind Weltbestseller, wurden in 81 Sprachen übersetzt und über 225 Millionen Mal verkauft. Die Themen seiner Bücher und seine Reflexionen regen weltweit Leser zum Nachdenken an und dazu, ihren eigenen Weg zu suchen.

Auszeichnungen
 ›Cinema for Peace Special Award‹ bei der Verleihung des ›Hessischen Film- und Kinopreises‹ in Frankfurt für Coelhos Engagement für das multimediale Filmwettbewerbsprojekt ›The Experimental Witch‹ , 2008
 Während der Frankfurter Buchmesse ›2009 Guinness World Record‹ für das in die meisten Sprachen übersetzte Buch Der Alchimist (67 Sprachen weltweit) gewürdigt , 2008
 UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat Paulo Coelho zum Friedensbotschafter berufen , 2007
 ›Las Pergolas‹, neuer Literaturpreis der mexikanischen Buchhändler , 2007
 ›Wilbur Award‹ des Religion Communicators Council für ›Der Zahir‹ , 2006
 3. Platz in der Rubrik ›Literatur, Romane, Belletristik‹ des österreichischen Publikumspreises ›Buchliebling‹ für den Roman Der Zahir , 2006
 ›Platin-Buch‹ des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels für 10 Jahre Der Alchimist , 2006
 Hans-Christian-Andersen-Botschafter anlässlich des 200. Geburtstags des dänischen Schriftstellers , 2005
 ›Goldene Feder‹, Medienpreis der Bauer Verlagsgruppe , 2005
 Guinness World Record für die meisten vom Autor in einer Signierstunde signierten Übersetzungen eines Buchtitels in verschiedenen Sprachen. Paulo Coelho signierte 53 Ausgaben von Der Alchimist an der Frankfurter Buchmesse. , 2003
 Am 6. Oktober verleiht der Club of Budapest Paulo Coelho den ›Planetary Consciousness Award‹ für sein Leben »als Grenzgänger und Weltbürger« und für sein Streben, »Brücken zu bauen zwischen Generationen und zwischen Kulturen« , 2002
 Paulo Coelho wird Mitglied der Academia Brasileira de Letras (ABL). Die Amtsübergabe findet am 28. Oktober im Hauptsitz der Brazilian Academy of Letters in Rio de Janeiro statt , 2002
 Am 6. November wird Paulo Coelho bei einer Galaveranstaltung in München für seinen Roman Der Alchimist mit dem ›Corine – Internationaler Buchpreis‹ geehrt. , 2002
 Literaturpreis ›Premio Fregene‹, 1979 vom Journalisten Gino Pallotta gestiftet , 2001
 ›Bambi‹ für Kultur , 2001
 Coelho erhält auf der polnischen Buchmesse in Warschau den Preis ›The Crystal Mirror Award‹ , 2000
 Orden ›Chevalier de L'Ordre national de la Legion d'honneur‹ auf Empfehlung des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac , 2000
 ›Crystal Award‹ des World Economic Forum in Davos , 1999
 ›Golden Medal of Galicia‹ am Jakobstag (25.7.1999) für Coelhos Verdienste um den Pilgerweg von Santiago de Compostela. Diese Medaille wurde bis jetzt nur dem spanischen König und Kardinal Rouco Varela von Madrid verliehen , 1999
 Literaturpreis ›Super Grinzane Cavour‹ des italienischen Kulturinstitutes , 1996
 ›Medaille Chevalier dans l'Ordre des Arts et des Lettres‹, verliehen durch den französischen Kulturminister Philippe Douste-Blazy, für seine künstlerischen und literarischen Verdienste , 1996
 ›Premio Internazionale Flaiano‹ (Italien) , 1996
 Sonderbotschafter für interkulturellen Dialog der UNESCO , 1996
 Literaturpreis der französischen Zeitschrift Elle , 1995

Rezension

INHALT/KLAPPENTEXT: Als der rebellische junge Paulo aus Brasilien und die Holländerin Karla sich in Amsterdam begegnen, trifft sie die Liebe wie ein Blitz. Sie beschließen, gemeinsam aufzubrechen und als Reisende auf dem Hippie-Trail Erfahrungen zu sammeln, nach eigenen Werten zu suchen und danach zu leben. Mit an Bord sind ihre Freunde Rahul, Ryan und Mirthe sowie die Musik, die damals die Welt aus den Angeln hob. Eine inspirierende Reise von Amsterdam nach Kathmandu, an Bord des ›Magic Bus‹. Geschrieben von Paulo Coelho, der uns an einem unbekannten, frühen Kapitel seines Lebens teilhaben lässt.

Meine Meinung:

Für den bekannten und berühmten Schriftsteller Paulo Coelho hat der Diogenes Verlag tatsächlich mit seiner altbekannten, traditionellen, schlichten und in weiss gehaltenen Cover-Gestaltung gebrochen. Und es hat mir gefallen! Dieses farbenfrohe Cover drückt das Lebensgefühl der damaligen jungen Menschen der Siebziger Jahre bildhaft und aussagekräftig aus. Es erinnert an die Flower-Power-Zeit, an Friedensgesänge, junge Mädchen mit Blumenkränzen im Haar und an den absoluten Willen der jungen Menschen *anderszusein* als die in alten Konventionen erstarrte, materielle graue Erwachsenenwelt. Wir erinnern uns: die digitale Welt gab es noch lange nicht, nur DAS BUCH, TV, Radio und Zeitungen haben gezielt Informationen verbreitet. Aber es gab eine perfekt funktionierende Mund-zu-Mund Propaganda, die junge Menschen aus aller Welt mit ins Ohr gehender Beat-Musik und der Suche nach Selbstfindung und dem Sinn des Lebens verbunden hat. Zentren dieses neuen Aufbruchs und der geheimen Absprachen nach Lebensinhalts-Suchen waren in Europa die Städte London und Amsterdam.

Paulo Coelho hat sich sich in seinem neuen Buch  autobiografisch erinnert, seine Empfindungen und Gefühle der damaligen Zeit aufgeschrieben, eine verlorene Liebe verarbeitet und den Beginn seiner spirituellen Suche und seines Schriftstellerdasein aufgezeichnet. Der junge Paulo Coelho wollte anders sein, schon in der Schule glich er nicht seinen Kameraden. Er schwamm immer schon gegen den Strom und glitt mit seiner Suche immer mehr in neue Erfahrungen ab. Die teilweise Reise mit dem Magic Bus , zum Traum-Ziel Kathmandu, war ein neuer Beginn, sein Aufenthalt in Istanbul in der Derwisch-Welt ebenso, die Erfahrungen und das Erleben bewußtseinserweiternder Drogen, denen er zum Glück oft instinktiv auswich, haben ihn damals sehr geformt. 

Und da war noch etwas, was ihn sein Leben lang verfolgt und begleitet hat. Die schrecklichen Erlebnisse von  persönlich erfahrener Gewalt und Folter, zum Beispiel bei Grenzübertritten, haben ihn in jungen Jahren geprägt. Die Angst war sein  heimlicher Begleiter und diese schlimme Erkenntnis hat unauslöschlich sein weiteres Dasein beeinflusst. Diese Beichte im Buch liest sich mutig und seine  freie, heutige Offenheit darüber zu schreiben, hat mich sehr beeindruckt!

Faszinierende Lebensweisheiten, denen wir schon in seinen vorherigen Büchern begegnet sind , fügte er geschickt und locker nochmalig in seine Erinnerungen ein. Sein Schreibstil ist einfach unnachahmlich und auch dieses Buch ist ein *Typischer Coelho*. Und es ist wieder Liebe, diesmal die zarte Liebe zu einer jungen, vielleicht berechnenden jungen Frau, die damals perfekt zu ihm und seiner Suche gepasst hat, die dieses Buch mit einem frischen und jugendlichen Charme überzieht. 

Meine Bewertung: FÜNF ***** Sterne für dieses grossartige Buch.

Herzlichen Dank an den Autor, den Verlag und die siebziger Jahre für dieses informative Werk und die Zusendung des Rezensionsexemplars !