Meine Meinung zum Buch:
Der zweite Band der *Eismeertrilogie* von Ingeborg Arvola hat mich wie der erste Band *Der Aufbruch* sofort in einen wunderbar fesselnden Lesesog gezogen. Wir befinden uns im Jahr 1863 . Brita Caisa und Mikko wurden beide wegen Ehebruch verurteilt und sitzen ihre Gefängnisstrafen ab. Es ist kalt, eisige Schneestürme belasten die Bevölkerung. Die beiden Gefängnisinsassen müssen bitteren Hunger neben der Kälte, Schmach und Verachtung ertragen. Brita und Mikko erwarten ein gemeinsames Kind. Er könnte nach dem Verbüßen seiner Strafe zu seiner Ehefrau Gretha zurückkehren und den Hof weiterführen. Für Brita ist die Lage ungleich schwieriger, sie hat kein Auskommen und kommt bei Bekannten unter. Doch Mikko steht zu seiner geliebten Brita Caisa Seiparjærvi und dem Kind, verlässt die Ehefrau, verliert auch den Hof. Er will für seine neue Familie ein Pirtii, eine einfache Holzhütte, bauen. Doch auch das wird ihm verwehrt, da er den Holzpreis nicht zahlen kann. Mikko und Brita Caisa und schlagen sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Die kleine Marja kommt auf die Welt und Heikki lebt wieder bei seiner Mutter Brita Caisa. Die junge Familie lebt unter schwierigen Umständen, oft getrennt, bei Freunden und Bekannten. Unverheiratete Frauen haben in dem damaligen Gesellschaftssystem keinen leichten Stand, werden verachtet und gemieden. Die mystische Natur-Heilkraft, ihr liebenswerter Charakter sowie ihre Schönheit helfen der Brita Caisa oft in schwierigen Situationen. Die Sympathie ihrer Mitmenschen sichert ihr Überleben und das ihrer Kinder.
Auch in diesem zweiten Band der Einsmeertrilogie hat mich der poetische und ungewöhnliche Schreibstil der Autorin voll überzeugt und gefesselt. Brita Caisa erzählt wieder in der Ich-Form. In diesem Band leben Mikko und Brita ihr tiefe, fast archaisch anmutende Liebe bei jeder Gelegenheit voll aus. Sie schöpfen Kraft und Freude aus ihren seltenen, sexuell geprägten Begegnungen und besiegeln ihre Zuneigung zueinander immer wieder. Die ganze Atmosphäre im Buch atmet wieder den Geruch von Holzfeuer, von Fisch und Eismeer, von Schafen, Wolle sowie den harzigen, schweren Duft der dichten Wälder der Finnmark mit ihrem überlebenswichtigen Schatz der Moltebeeren. Der Beginn verschiedener Walfangtechniken am der Eismeerküste mit Harpunen, Sprengungen und Kanonen wird auch realistisch geschildert.
Dieses damalige Leben wird durch eine alte Karte der West- und Ostfinnmark aus dem Jahr 1824 in der Buchdeckelinnenseite verdeutlicht. Ich empfand ein Personenverzeichnis und Namenvarianten der vielen Protagonist*innen zu Beginn des Buches als sehr hilfreich, zumal sie zweisprachig in Norwegisch und finnischen Dialekten aufgeführt wurde. Erklärend kamen die im Buch spielenden Orte dazu, sowie die Beziehungen und der Stand der Protagonist*innen zueinander.
Das Buch ist eine absolute Leseempfehlung und ich gebe gern FÜNF ***** Sterne.
Herzlichen Dank an die Autorin und btb-verlag für das gebundene Rezensionsexemplar.
INHALT / KLAPPENTEXT:
Mit »Zeit der Wale« setzt Ingeborg Arvola ihre gefeierte Eismeertrilogie fort und erzählt die Geschichte der unbeugsamen Brita Caisa weiter. Norwegische Eismeerküste, 1863: Nach Ende ihrer Haftstrafe, zu der sie wegen ihres Verhältnisses mit dem verheirateten Mikko verurteilt wurde, kommt Brita bei Bekannten unter. Als endlich auch Mikko entlassen wird, hofft sie auf ein gemeinsames Zuhause und eine sichere Zukunft für ihre drei Kinder. Ihr Leben ist geprägt von der harten Arbeit rund um den Walfang, der wohltuenden Hitze der Sauna und der tiefen Verbindung zur Natur. Ein eindringlicher Roman voller rauer Schönheit mit faszinierenden zeitgeschichtlichen Einblicken in die Lebensweise an der norwegischen Eismeerküste.
Ingeborg Arvola, geboren 1974, wuchs in Pasvikdalen und Tromsø im hohen Norden Norwegens auf und hat bereits mehrere Romane für Kinder und Erwachsene geschrieben. Ihren internationalen Durchbruch erlebte sie 2022 mit dem Roman »Der Aufbruch«, dem ersten Buch in der historischen Eismeer-Trilogie. Der Roman, der von der Geschichte ihrer Familie inspiriert ist, wurde sofort ein Bestseller, erhielt den renommierten Brage-Literaturpreis und wurde für viele weitere Literaturpreise wie den Preis des Nordischen Rates und den Norwegischen Buchhändlerpreis nominiert. Auch international sorgte der Roman, der in 12 Länder verkauft wurde, für großes Aufsehen und erhielt überragende Kritiken.
Übersetzt von Katharina Martl
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