Sonntag, 20. Dezember 2020

* 4. Advent *

 


Knecht Ruprecht


Ruprecht: Habt guten Abend, alt und jung
bin allen wohl bekannt genung.
Von drauß vom Walde komm ich her;
ich muß Euch sagen es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
sah ich goldene Lichtlein sitzen;
und droben aus dem Himmelstor
sah mit großen Augen das Christkind hervor.
Und wie ich so strolcht durch den finsteren Tann,
da rief’s mich mit heller Stimme an:
Knecht Ruprecht, rief es alter Gesell,
hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
das Himmelstor ist aufgetan,
Alt und Junge sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
und morgen flieg ich hinab zur Erden,
denn es soll wieder weihnachten werden!
So geh denn rasch von Haus zu Haus.
such mir die guten Kinder aus,
damit ich ihrer mag gedenken
mit schönen Sachen sie mag beschenken.


(Theodor Storm)



Sonntag, 13. Dezember 2020

* 3. Advent *

 Die weiße Weihnachtsrose


Wenn über Wege tief beschneit

Der Schlitten lustig rennt,

Im Spätjahr in der Dämmerzeit,

Die Wochen im Advent,

Wenn aus dem Schnee das junge Reh

Sich Kräuter sucht und Moose,

Blüht unverdorrt im Frost noch fort

Die weiße Weihnachtsrose.


Kein Blümchen sonst auf weiter Flur;

In ihrem Dornenkleid

Nur sie, die niedre Distel nur

Trotzt allem Winterleid;

Das macht, sie will erwarten still,

Bis sich die Sonne wendet,

Damit sie weiß, daß Schnee und Eis

Auch diesmal wieder endet.


Doch ist's geschehn, nimmt fühlbar kaum

Der Nächte Dunkel ab,

Dann sinkt mit einem Hoffnungstraum

Auch sie zurück ins Grab.

Nun schläft sie gern, sie hat von fern

Des Frühlings Gruß vernommen,

Und o wie bald wird glanzumwallt

Er sie zu wecken kommen!


Hermann Lingg (1820 - 1905), seit 1890 Ritter von Lingg, deutscher Dichter, Mitglied des Münchener Dichterkreises »Die Krokodile«, verfasste u. a. das Epos »Die Völkerwanderung«


Quelle: Lingg, H., Gedichte. zwischen 1853 und 1885






Sonntag, 6. Dezember 2020

*2. Advent*

 Advent


Es treibt der Wind im Winterwalde

die Flockenherde wie ein Hirt 

und manche Tanne ahnt, wie balde

sie fromm und lichterheilig wird,

und lauscht hinaus. Den weißen Wegen 

streckt sie die Zweige hin – bereit, 

und wehrt dem Wind und wächst entgegen

der einen Nacht der Herrlichkeit.


Rainer Maria Rilke (1875 - 1926), eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke, österreichischer Erzähler und Lyriker; gilt als einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne


Quelle: Rilke, Die Gedichte. Nach der von Ernst Zinn besorgten Edition der sämtlichen Werke, Insel Verlag 1957. Advent, 1913




Dienstag, 1. Dezember 2020

*Advent*


Letzte Blüten

Noch eine Ros' am kahlen Strauch
Fand im Advent ich aufgeblüht,
Noch eines Liedes zarter Hauch
Klang mir verstohlen im Gemüt.

Der Rose Blätter taumeln hin,
Da ich sie kaum berührt, ins Beet,
Das Liedchen schwand mir aus dem Sinn –
Für Sommerkinder ist's zu spät!

Paul Heyse (1830 - 1914), eigentlich Paul Johann Ludwig von Heyse, deutscher Romanist, Novellist und Übersetzer, Nobelpreisträger für Literatur 1910

Quelle: Heyse, P., Gedichte. Ein Wintertagebuch. Entstanden 1901-1902, Erstdruck 1903




 

Sonntag, 22. November 2020

*Dieses ganze Leben* von Raffaella Romagnolo

 

*Werbung, unbezahlt*

Hardcover Leinen

272 Seiten 

erschienen am 28. Oktober 2020 

Inhalt /Klappentext: Paola passt nicht in diese Welt, findet sie. Wo Glanz und Erfolg das Maß vorgeben, hält sie sich lieber an ihren Bruder, der im Rollstuhl sitzt, gerne Schach spielt und auf Likes pfeift. Auf Verordnung ihrer Mutter muss Paola täglich mit Richi an die frische Luft. Eine gute Gelegenheit, der Enge der elterlichen Villa zu entfliehen und Gegenden zu erkunden, wo Paola das wahre Leben vermutet – das so ganz anders ist, als sie dachte.

Raffaella Romagnolo, geboren 1971 in Casale Monferrato. Sie unterrichtet Geschichte und Italienisch an einem Gymnasium. Seit 2007 schreibt sie auch Romane – mit Erfolg. Ihr Roman ›Bella Ciao‹ sorgte international für Aufmerksamkeit und erschien in zahlreichen Sprachen. Für ›La figlia sbagliata‹ war sie für den Premio Strega nominiert, ebenso mit ihrem Jugendbuch ›Respira con me‹. Raffaella Romagnolo lebt in Rocca Grimalda im Piemont.

Auszeichnungen
 Respira con me ist für den ›Premio Strega‹ nominiert, 2020
 La figlia sbagliata war für den ›Premio Strega‹ nominiert, 2018

Meine Meinung:  Schon immer sind es junge Menschen gewesen, die der aktuellen Welt kritisch und den jeweiligen Gesellschaftsentwicklungen abwägend gegenüber stehen. So ergeht es auch Paola, von  engen Freunden auch liebevoll Paoletta genannt. Sie ist ein ausserordentlich nachdenkliches junges Mädchen von sechzehn Jahren - am Übergang zum Erwachsenendasein. Doch was heisst das wirklich? Paola ist auf der Suche nach Wahrheit. Wahrheit über sich selber, ihren Körper und Geist, ihren behinderten, im Rollstuhl sitzenden Bruder Richie, den sie verantwortungsvoll liebt und beschützt - sogar vor den gemeinsamen Eltern. Das Verhältnis zu Mutter und Vater ist gespalten. Die Familie ist ausserordentlich reich, hat keine Alltagssorgen , auch Paola und Richie nicht. Sie vermisst nur eines für sich und den Bruder. Liebe und Anerkennung durch die Familie.  

Jedoch die lange fügsam gebliebene Paoletta rebelliert endlich. In erster Linie gegen die dominante Mutter, die Paola auf den angepassten Weg des Gehorsams und KLASSENDENKENS  lenken möchte. Paola verheimlicht zum Beispiel gierige Essattackeneinkäufe von Fast Food, die sie auf ihren von der Mutter verordneten Spaziergängen zusammen mit ihrem Bruder Richie tätigt. Aber das ist nur ihr äusserliches Aufbegehren gegen ihre Figurprobleme  und die strengen Regeln der Mutter mit ihrem sogenannten *Babyspeck*.  Auch Vater und Grossvater, bedeutende und einflussreiche Geschäftsmänner und Baulöwen kommen nicht gut weg in Paolas Bewertungssystem. Einzig die Grossmutter schafft es durch ihre Unkonventionalität  Anerkennung von ihr zu bekommen. Und plötzlich entdeckt Paola die Liebe, ein zart wachsendes Pflänzchen in ihrem  Herzen zu einem Jungen aus einer anderen Gesellschaftsschicht. Ihre Selbstliebe und ihr Selbstbewusstsein wachsen und bilden sich neu aus durch diese Erfahrungen.  Antonio und seine Familie sind nicht reich, sie wohnen in einem heruntergekommenen  Hochhausviertel, welches von Paolas Familie erbaut wurde. Doch was geschieht oder geschah in dieser Welt, diesem Leben der Klassen-Gegensätze und vielleicht sogar grässlichen Geheimnisse. Paola forscht nach, hält die Augen offen und findet das Unglaubliche. Ihre kindliche Unschuld wird schwer beschädigt und sie begegnet  einer für sie neuen Realität von Betrug und Verbrechen,,,,,

Meine Bewertung: VIER **** Sterne für dieses Buch über die Suche der Jugend nach Wahrheit, Gerechtigkeit, Anerkennung, Selbstfindung und Liebe zu sich und anderen Mitmenschen. 

Herzlichen Dank an die Autorin und den Verlag für die Zusendung des wunderbar handlichen und gebundenen Rezensionsexemplars !   

Montag, 16. November 2020

*Was der Fluss erzählt* von Diane Setterfield, Hörbuch MP3-CD

 

*Werbung unbezahlt*

Aus dem Englischen von Anke & Eberhard Kreutzer

Originaltitel: Once upon a River (Atria Books)

Originalverlag: Blessing

Hörbuch MP3-CD, 2 CDs, Laufzeit: 13h 45min

ISBN: 978-3-8371-5272-2

Erschienen am  19. Oktober 2020

Inhalt / Klappentext: Eine stürmische Winternacht im England des späten 19. Jahrhunderts: In der Gaststube des „Swan“ sitzen die Bewohner von Radcot zusammen und wärmen sich an ihren Geschichten und Getränken, als ein Mann mit einem leblosen Mädchen im Arm herein stolpert, das er aus der Themse geborgen hat. Die herbeigerufene Krankenschwester kann nur noch den Tod feststellen. Als sie jedoch ein paar Stunden später erneut nach dem Kind schaut, bemerkt sie, dass es wieder atmet. Ein Wunder oder gar Zauberei? Oder gibt es eine medizinische Erklärung? Viel dringlicher wird jedoch bald die Frage: Woher kommt das mysteriöse Mädchen und welche Rolle spielt der Fluss in seiner Geschichte ...?

Diane Setterfield ist promovierte Romanistin und lebte viele Jahre in Frankreich. Bevor sie sich Vollzeit der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Lehrerin. Ihr Debüt, »Die dreizehnte Geschichte« (Blessing, 2007), war ein internationaler Bestseller und wurde mit Vanessa Redgrave in der Hauptrolle von der BBC verfilmt. Diane Setterfield lebt in Oxford.

Simone Kabst wurde 1973 geboren und studierte an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Sie spielte u. a. an der Schaubühne und am Maxim Gorki Theater Berlin, ist als Gastdozentin an der Hamburg Media School tätig und zurzeit am Theater Poetenpack in Potsdam zu sehen. Immer wieder übernimmt Simone Kabst auch Rollen in Film- und Fernsehproduktionen, wie »Rote Rosen«, »Claudia, das Mädchen von Kasse 1«, »Fürst Pückler« und »Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat«. Darüber hinaus ist sie eine gefragte Sprecherin für Features, Audioguides und Hörspiele, las für den Hörverlag z. B. Cecelia Aherns »Für immer vielleicht« und Janet Evanovichs »Der Beste zum Kuss« sowie viele von Lucinda Rileys Bestsellern.


Meine Meinung: Die bezaubernde Stimme von Simone Kabst  und ihre sich immer wieder wandelnde Stimmlage, an die vielen wechselnden Protagonisten angepasst, hat mich fast vierzehn Stunden an dieses unglaubliche Hörbuch gefesselt. Ich bin völlig abgetaucht in die Welt des 19. Jahrhundert nach England , in einen kleinen und romantischen Pub namens *SWAN* an der Themse gelegen  im kleinen Flecken Radcot. Dramatisch beginnt dieser tolle, geheimnisvolle und mystische Text, verfasst von Diane Setterfield. Er beginnt wie ein Märchen für Erwachsene und hat trotz aller Hindernisse das Potential entwickelt, ein befriedigendes und aufklärendes Ende des Geschehens zu vermitteln. 

Fast ein Kriminalfall - oder doch nicht? Ein Wunder - kann es so etwas doch geben? Wie kann ein kleines Mädchen nach dem  medizinisch festgestelltem Tod des Ertrinkens wieder lebendig und unbeschadet die Augen aufschlagen? Diese dramatische und in poetischen Worten versteckt dahinfließende Geschichte fesselt und verzaubert. 

Die zusätzlich erzählten Lebens-Geschichten von Menschen der damaligen Zeit, an einem sich immer wieder veränderndem Fluss , mit seinen Mythen und Legenden, faszinieren und kamen mir bunt, schillernd und sehr bildhaft vor. Währenddessen verläuft die aufregende Suche nach der Herkunft des Kindes weiter und weiter,,,, ! Die vielen Geschehnisse und Puzzlestücke damaliger Zeit, Erfahrungen und Beobachtungen von Menschen und ihren Schicksalen , die von der Autorin  neben dieser Suche laufend nachgeschoben werden, schimmern in diesem Roman auf wie das glitzernde Farbenspiel auf der Oberfläche eines von der Sonne gestreichelten Flusses.  Ich war entzückt, traurig, freudig, dachte  oft *Nun ist alles geklärt*! Doch das Verwechselspiel um die Herkunft und den Unfall des Kleinkindes, welches die Autorin dem Leser eindringlich suggeriert , hört lange nicht auf. Eine poetische, wundersame, entzückende, mysteriöse und märchenhafte Erzählung! So kam mir dieses Hörbuch vor. Ob es wohl beim Lesen ähnlich ist ? 

Dieser Frage werde ich vielleicht noch nachgehen,,,,

MEINE BEWERTUNG: FÜNF ***** STERNE für dieses großartige Hörbuch. Eine absolute Hörempfehlung für lange und graue Winterabende. 

Herzlichen Dank an die Autorin und den Verlag für die Zusendung dieses Spitzentitel als Rezensionsexemplar!

Das Hörbuch wird auch bei der Linkparty von Monerl veröffentlicht!


Mittwoch, 11. November 2020

*Bergsalz* von Karin Kalisa, erschienen im Droemer Verlag

 

*Werbung, unbezahlt*

Inhalt:/Klappentext: Dass man so klein wie "füreineallein" eigentlich gar nicht denken und nicht kochen kann, ist von jeher Franziska Heberles Überzeugung. Trotzdem kommt das mittägliche Klingeln an ihrer Haustür unerwartet, ungebeten und ungelegen: Eine Nachbarin. Dann noch eine. Es reicht – und reicht noch nicht. Denn auf einmal fühlt sich das Ungelegene absolut richtig und vor allem steigerungsfähig an: Doch wie kann das überhaupt gehen? Ein Mittagstisch für viele – hier, im ländlichen weiten Voralpenland, wo Einzelhof und Alleinlage seit Generationen tief in die Gemüter sickern? Und es nicht jedem passt, wenn sich etwas ändert. Es braucht Frauen aus drei Generationen: Franzi, Esma und Sabina. Nicht jede 'von hier', aber aus ähnlichem Holz. Es braucht Ben, der wenig sagt, aber wenn, dann in mancherlei Sprachen; es braucht Fidel Endres, einen Vorfahr, der etwas Entscheidendes hinterlassen hat – und einen halbleeren Kübel Alpensalz in einer stillgelegten Wirtshausküche, der zeigt: Dem Leben Würze geben, ist keine Frage der Zeit.

Karin Kalisa, geboren 1965, lebt nach Stationen in Bremerhaven, Hamburg, Tokio und Wien seit einigen Jahren im Osten Berlins. Sowohl als Wissenschaftlerin als auch mit dem Blick einer Literatin forscht sie in den Feldern asiatischer Sprachen, philosophischer Denkfiguren und ethnologischer Beschreibungen. Nach Karin Kalisas erstem Roman "Sungs Laden" erschienen ihre Wintererzählung "Sternstunde" und ihre weiteren Romane "Radio Activity" und "Bergsalz".

Meine Meinung: Wir Menschen sind soziale Wesen. Doch was macht uns dazu und zeichnet uns vielleicht sogar aus? Die Autorin geht dieser Frage nach und wir erleben in ihrem neuen Buch alle Höhen und Tiefen emphatischer Empfindungen füreinander. Es gibt Freude, Sympathie, Großzügigkeit, Liebe, aber auch die Schattenseiten  wie Ärger, Hass, Neid, Schmerz und noch sehr viel mehr an negativen Gefühlen. Oft auch hervorgerufen durch das Leid durch Krieg und Vertreibung. Doch was ist die Würze des Lebens, die uns nicht verzagen lässt? Es ist das SALZ ! Diese Einsicht vermittelt die Autorin eindringlich in ihrem  Buch. Sie schreibt es im bayrischen Stil, was es  nicht unbedingt einfach macht beim Lesen. Zu Beginn begegnen wir eindrucksvollen Frauen aus dem Allgäu. Wie Franzi mit ihren alteingesessenen  Dorffreundinnen, der aussergewöhnlichen Sabina, die aus der Enge des dörflichen Lebens in die Welt, grosse Städte und gar in Kriegsgebiete flüchtet. Und es gibt neue Dorfbewohner. Flüchtlinge aus Syrien, die alles verloren haben . Ihr Hab und Gut, ihre Heimat, ihr bisheriges Leben. Doch all diese Menschen  verbindet eines. Die Kraft und die Freude zu einem Neubeginn. Franzi übernimmt die behutsame Führung für eine sogenannte *offene Küche* . Sie hat es satt allein und ohne Kontakte ihren letzten Lebensabschnitt zu verbringen. Sie lernt andere einsame Dorffreundinnen näher kennen, freundet sich mit der fremdartigen Esma an und schafft es sogar die zurückgekehrte und desillusionierte Sabina in ihre Pläne einzubinden. Die Frauen kochen, probieren neue Rezepte und neue Formen des Zusammenseins aus und bei allem ist es immer dabei! DAS SALZ - die Würze des Lebens und der sorgfältigen und nachhaltigen Küche. 


Interessant erschienen mir die Einbindungen und das Erzählen  mittelalterlichen Geschehens aus dem Allgäu und/oder Voralpenland.  Die Autorin hat diese Abschnitte eines Berichtes über die Bundschuh-Bewegung in kursiver Schrift , kleingeschrieben verfasst, in ihren Roman aufgenommen. Dieses bäuerliche und ohnmächtige Aufbegehren gegen bestehende Ungerechtigkeiten von  Obrigkeiten schliesst im Buch einen Kreis für Sabina, die ausserhalb des Dorfes in einem Einödhof ihr Familien-Leben neu  beginnt. 

Meine Bewertung: FÜNF *****Sterne für dieses ungewöhnliche Buch über gelungene Frauen-Leben  im Alter  -  inmitten bodenständiger Lebensgrundlagen. 

Wer mehr über die Bundschuh Bewegung erfahren möchte , möge bitte diesen Link anklicken. 




Dienstag, 3. November 2020

*Das Kind der Wellen* von Rebecca Martin, erschienen im Diana Verlag

 

*Werbung, unbezahlt*

Inhalt/Klappentext:Bei einem tragischen Unfall am Meer verlor Lisa ihre Tochter in den Fluten. Unfähig ihr altes Leben wieder aufzunehmen, kehrt sie an die Nordsee zurück. Im Ferienhaus der Familie ist noch alles so, wie sie es damals hinterließen. Mit der unerwarteten Hilfe von Schreiner Lars und seinem Sohn dem Arktisforscher Jonas beginnt sie zu renovieren - und findet unter den alten Holzdielen die Notizen zu einem Märchen über eine Meerjungfrau. Der Verdacht, dass dieses auf realen Begebenheiten beruht, lässt die drei nicht los. Im alten Zeitungsarchiv lesen sie von einer blutjungen Frau, die 1920 ihr Kind am Strand verlor. War es ein Unfall oder Mord, wie die Leute damals behaupteten? Auf den Spuren der Meerjungfrau muss sich Lisa ihren verworrenen Gefühlen und dem eigenen Verlust stellen.

Rebecca Martin studierte Englisch und Deutsch in Frankfurt am Main und in Dublin, Irland. Ihre Leidenschaft gehört dem Reisen und dem Schreiben. Ihr Roman "Die verlorene Geschichte" gelangte sofort nach Erscheinen auf die SPIEGEL-Bestsellerliste, gefolgt von "Der entschwundene Sommer", "Die geheimen Worte" und "Das goldene Haus" und die "Die vergessene Freundin". Die Autorin lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf im Nahetal.

Meine Meinung: Die Autorin erzählt gefällig und lebhaft die Geschichte zweier Frauen, die jeweils ein Kind am Strand verlieren und deren Lebensgeschichten  sich im Abstand von einhundert Jahren in einem  Ferienhaus an der Nordseeküste kreuzen. Wir lesen zwei Erzählstränge aus der Sicht der jeweiligen Protagonisten . Verbindendes Element ist das Erleben dramatischer Ereignisse am Strand , in der Nähe des gleichen Ferienhauses.  

Vicky, die kurz nach dem 1. Weltkrieg die Besatzungszeit von viertausend Franzosen, Tunesier , Senegalesen und Marokkaner in ihrer Heimatstadt Mainz erlebt, zeichnet sich durch eine unglaubliche Naivität und Frohnatur aus, die den Fremdenhass und die aggressive Ablehnung der deutschen Bevölkerung gegenüber der Besatzungsmacht völlig verkennt, diese hässliche Realität einfach nicht wahrnehmen möchte , sondern sich Hals über Kopf in einen Besatzer-Soldaten verliebt.

Vicky's Geschichte, ein Unfall oder gar ein Mord -  ist der Aufhänger für die  Erzählungen  rund um Lisa aus dem Jahr 2019. Lisa hat bei einem tragischen Ereignis  ihre dreijährige Millie am Strand durch Ertrinken verloren . Sie hatte bis dahin ein erfülltes Leben mit Ehemann und zwei grösseren Jungs geführt, die zusammen jedes Jahr glückliche Wochen in ihrem Ferienhaus verlebten. Lisa wird mit ihren Schuldgefühlen und der wichtigen Trauer Arbeit nicht fertig, vernachlässigt ihre beiden anderen Kinder sträflich und verliert die Bindung an ihren Ehemann.  Sie vergräbt sich zu lange an der Küste , lernt dort allerdings durch Renovierungsarbeiten am Haus den Schreiner Lars und dessen Sohn Jonas , einen Aktisforscher kennen und schätzen. Sie erforschen zusammen Vicky's Vergangenheit durch das Studieren von Zeitungsarchiven, geheimnisvollen Fundstücken aus dem Haus, sowie durch Erzählungen der Dorfbewohner.   

Durch diesen langen Rückzug  hat Lisa die Sympathie der Leser*rin nicht unbedingt für sich eingenommen. Sicher verarbeitet jeder Mensch solche dramatischen Lebensereignisse auf seine Weise und es liegt mir fern, sie deswegen zu verurteilen . Meine Begeisterung für das Buch hat trotzdem doch etwas gelitten.....  

Insgesamt gesehen war es jedoch für einige Stunden eine nette Lektüre, die mich an die Nordsee geführt hat. 

Meine Bewertung:  **** VIER Sterne für dieses Buch mit kleinen Schwächen!

Danke für das Rezensionsexemplar !   


Mittwoch, 28. Oktober 2020

*Malé* von Roman Ehrlich, erschienen im S.Fischer Verlag

*Werbung, unbezahlt*

Verlagslink

Inhalt/Klappentext:

Longlist - nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020


Alle Versuche, die Malediven vor dem steigenden Meeresspiegel zu retten, sind gescheitert, Pauschaltouristen haben sich neue Ziele gesucht, und der Großteil der Bevölkerung musste die Inseln verlassen. Gleichzeitig ist die heruntergekommene Hauptstadt Malé zum Ziel all jener geworden, die nach einer Alternative zum Leben in den gentrifizierten Städten des Westens suchen. Und so wird die Insel für die kurze Zeit bis zu ihrem Untergang zur Projektionsfläche für Aussteigerinnen, Abenteurer und Utopistinnen, zu einem Ort zwischen Euphorie und Albtraum, in dem neue Formen der Solidarität erprobt werden und Menschen unauffindbar verschwinden. Mit »Malé« fängt Roman Ehrlich die komplexe Stimmungslage unserer Zeit ein und verwebt die Geschichten rund um die Sehnsüchte und das Scheitern seiner Figuren zu einem Abbild all der Widersprüche, die das Leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts ausmachen.

Roman Ehrlich, geboren 1983 in Aichach, aufgewachsen in Neuburg an der Donau, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Freien Universität Berlin. Bislang sind von ihm die Bücher ›Das kalte Jahr‹ (2013), ›Urwaldgäste‹ (2014), ›Das Theater des Krieges‹ (2017, mit Michael Disqué) und ›Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens‹ (2017) erschienen. 


Literaturpreise:


Bremer Literaturpreis (Förderpreis) 2014

Robert Walser-Preis 2014

Ernst Toller-Preis 2016

Alfred Döblin-Medaille 2017



Meine Meinung: Die katastrophale Stimmung - und Umweltlage unserer Zeit hat der Autor voll und ganz dem Leser vermittelt.  Verwirrung, Langeweile, Unmöglichkeiten, Katastrophen und Gewalt wurden vom Autor beschrieben. Ich war  tatsächlich zu Beginn verwirrt, habe ungeduldig einen roten Faden gesucht in diesem Roman und musste mich erst an den aussergewöhnlich anspruchsvollen Schreibstil gewöhnen. Personen tauchen unvermittelt  auf , verschwinden plötzlich. Ich habe keinen wirklichen Zusammenhang gefunden zwischen diesen vielen Protagonisten - ausser kleinen und grossen Katastrophen.  Es gelang  mir nicht vollends auf folgenden ca. zweihundertfünfundachtzig  Seiten  aufmerksam zu folgen und ich muss gestehen, dieses Buch hat mich etwas enttäuscht. Titel und Cover hatten mich überzeugt, machten neugierig auf den geheimnisvollen Ort. Der intellektuelle Schreibstil hat mir imponiert und doch ist eine Lesebegeisterung nicht zu mir übergesprungen. Die langen verschachtelten Sätze ermüden beim Lesen, vermitteln aber jeweils ganz oft eine trostlose Atmosphäre. Da sind Bilder von Menschen, die sich durch hüfthohes Wasser  kämpfen. Sie müssten ja eigentlich Mitleid und Aufregung beim Leser erzeugen, wie auch ein gefesselter, ertrinkender Mensch zu Beginn der Lektüre. Dem war aber nicht so. Ich hatte das Gefühl von oben emotionslos auf Ereignisse zu blicken. Das hat mich verunsichert, erschreckt, meinem Lesefluss überhaupt nicht gut getan. Diese Endzeitstimmung einer untergehenden Welt hat mich total kalt gelassen und keine Emotionen bei mir herausgekitztelt.  Und das kann ich immer noch nicht wirklich glauben. Wie hat der Autor das geschafft? Ist dieses Buch doch grosse Literatur und/oder Lese-Unvermögen meinerseits? Ich habe mich durch das Buch gekämpft und war froh, dass ich bis zur letzten Seite durchgehalten habe. 

Meine Bewertung: DREI *** Sterne für ein gutes Buch, welches mich aber nicht begeistern konnte. 

Herzlichen Dank an den Autor und den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplar. 

 

Dienstag, 27. Oktober 2020

*Die sardische Hochzeit* von Grit Landau, erschienen im Droemer Verlag !

 

*Werbung, unbezahlt*

Verlagslink

Inhalt/Klappentext: Sardinien 1922, kurz vor Mussolinis Machtergreifung: 

Leo Lanteri, Kriegsveteran und Erbe einer ligurischen Olivenplantage, hat im Streit einen Faschisten getötet und muss untertauchen: Sein Vater schickt ihn nach Sassari auf Sardinien - für den smarten, jazzbegeisterten Leo das Ende der Welt.

Doch auf der »vergessenen Insel« brodelt es, Sardinien steht wie der Rest Italiens am Rand eines Umsturzes. Auch Leo gerät bald zwischen alle Fronten. Denn auf dem Landgut des Mussolini-Anhängers Soriga trifft er auf die Liebe seines Lebens: Gioia, die eigenwillige Tochter des Hauses. 

Kein guter Zeitpunkt, um sich zu verlieben, denn die musikalisch begabte Gioia soll keine Woche später heiraten, den Spross eines ursardischen Clans von Pferdezüchtern - und die Traditionen dieser Familie sind mörderisch.


Grit Landau hat Geschichte studiert und danach als Kultur- und Musikjournalistin gearbeitet, bevor sie zu schreiben begann. 

Ihr Romandebüt „MARINA, MARINA", eine Familien- und Liebesgeschichte im Italien der 1960er Jahre, erschien bei Droemer im Frühjahrsprogramm 2019 und wurde von den LeserInnen geliebt. 


Meine Meinung: 

Fasziniert habe ich zu diesem Titel gegriffen, da ich im letzten Jahr während einer privaten Reise die Insel Sardinien kennenlernen durfte. Ich war gespannt wie die Autorin über die Insel berichten würde und war von ihrer super guten und genauen Recherche geschichtlicher Hintergründe begeistert und überrascht. Sie hat diese  fiktive Familiengeschichte vor einem traurigen politischen Geschehen angesiedelt und uns so zusätzlich Zeitgeschichte lebendig und bunt nahe gebracht. Nach dem ersten Weltkrieg gewannen die Faschisten unter Mussolini in Italien immer mehr Einfluss, bestimmten das öffentliche Leben und unterwanderten das herrschende System. Buntes, sardisches Familienleben hat sie geschickt mit wahrer Geschichte, zum Beispiel mit der Person des sardischen Politikers Emilio Lusso verknüpft.  Besonders interessant und informierend waren für mich die Erklärungen sardischer Begriffe, Mythen und Legenden des alten Brauchtums der Insel, die sie vor jedes Kapitel gesetzt hat. Erklärungen zum Buch und ein sorgfältig erstelltes Glossar italienischer Begriffe  am Ende des Romans sind absolut lesenswert für den interessierten Leser*in! 

Hier zwei Bespiele dieser Erklärungen: 




   

Diese Erklärungen empfand ich als wertvoll und zum Verständnis sardischen Brauchtums unerlässlich. Ein altes Sprichwort der einfachen Insel-Bevölkerung lautet auch in diesem Sinne:
 * Wer vom Meer kommt, will uns bestehlen! * 









Diese Liebesgeschichte zwischen Gioia und Leo wird mit ganz viel Gefühl und Leidenschaft erzählt und hat mich beim Lesen voll in den Bann geschlagen. Man spürt förmlich den Geruch der Pferde auf dem Landgut der Familie Marras,  sieht die Olivenplantagen und die wilde, bergige Landschaft mit den wunderschönen Buchten und Stränden vor sich . Und doch regelte damals noch eine stark patriarchisch gelebte ursprüngliche Ordnung das Leben auf dem Land , aber auch in den wenigen grossen Städten an den Küsten.  Gioia's Stellung als gehorsame Tochter und Frau mit wenigen eigenen Möglichkeiten das Leben mit eigenen Wünschen und Träumen zu füllen, macht betroffen. Hochzeiten wurden oft von den Männern der Familie arrangiert und dienten oft dazu schlimme Blutfehden zwischen unterschiedlichen Familien zu verhindern.  
Die persönlichen Schilderungen der Leidensgeschichte von Leo als dienender Soldat, Leib und Leben bei einem Giftgasangriff während eines Angriffs ausgesetzt, macht betroffen und erinnert an das unsägliche  Leid so vieler Menschen. Die Autorin hat Leo's Erinnerungen und Ängste an die Kriegserlebnisse, die ihn immer wieder plötzlich überfallen haben , in kursiven Absätzen eindringlich  hervorgehoben. 
 
Man spürt in diesem klug erzähltem  Roman sehr deutlich aber auch die Angst mancher Bevölkerungskreise vor den Faschisten, ebenso wie die Begeisterung vieler Menschen für die neuen politischen Ansichten. Insofern ist dieses Buch keine reine Liebesgeschichte , sondern beinhaltet  ganz viel mehr,,,,,

Meine Bewertung: Eine absolute Leseempfehlung mit FÜNF ***** Sternen. 

Mein Dank gilt Grit Landau und dem Droemer Verlag für die Zusendung dieses interessanten und gebundenen Rezensionsexemplar !