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Donnerstag, 8. Oktober 2026

*Der blaue Stift* von Samar Yazbek - erschienen im Unionsverlag

 

*Werbung, unbezahlt*


Meine Meinung zum Buch: 

TRIGGERWARNUNG: Ein Buch über den Krieg in Syrien. Ein Buch, welches alle Schrecken, die ein Krieg für Menschen bereit hält, schonungslos darstellt.  Ein erschütterndes Buch. Ich konnte es nur in kurzen Abschnitten, zeitlich verlängerten Abständen lesen und ertragen.

Rima lebt in Damaskus, mit ihrer Mutter und ihrem Bruder. Sie ist nicht verrückt, viele ihrer Mitmenschen glauben es aber. Sie hat mit vier Jahren beschlossen, das Sprechen einzustellen. Rima  hat einen unglaublichen Bewegungsdrang, möchte immer nur laufen. Ihre Mutter weiss sich nicht zu helfen. Sie bindet Rima immer  mit einem Seil irgendwo fest  - auch an ihr Handgelenk, wenn sie mit ihr unterwegs ist. 
Rima lebt für Bücher, bringt sich Lesen und Schreiben bei mit Hilfe ihrer älteren Bibliotheksfreundin Sitt Suad. Sie versorgt Rima regelmässig mit Büchern, Stiften und Papier.  Rimas Mutter übt in der Bibliothek  einen Putzjob aus.  Rima liebt *Alice im Wunderland*, das Buch * Der kleine Prinz* von  Antoine de Saint-Exupéry.
 
Das Unbeschreibliche geschieht. Rimas Mutter wird während eines Ausflugs zur Wohnung von Sitt Suad  an einem der neuen Checkpoints erschossen. Rima  kommt schwer verletzt in eine Art Gefängnis Krankenhaus  und ihr körperliches und seelisches  Martyrium nimmt seinen unerbittlichen Lauf. 

Das Erleben aus Rimas Sicht  im Krankenhaus ,  auf der Flucht mit ihrem Bruder, dem Bekannten Hassan, ihren Schmerzen und ihre Unwissenheit, ihr kindlich naives Urvertrauen zur realen Welt sind schwer zu ertragen. Die schrecklichen täglichen Bombenangriffe,  die auch mit chemischen Kampfmitteln  erfolgen, nimmt sie stoisch hin, fast wie von Gott gegeben. Ihre  Fantasie, ihre schönen Gedankenbilder, ihre Worte und die gezeichneten Bilder trösten sie, ihre Mitgefangenen und Verletzten. 

 Zerstörung, Lärm, Bombenexplosionen, Staub, Blut, Sterbende, Verletzte säumen Rimas Leidensweg. Dramatisch und bildgewaltig aufgeschrieben  und gezeichnet von der Autorin Samar Yazbek. Die Sprache der Autorin  ist unglaublich berührend. Einfach, eindrücklich , manchmal naiv kindlich. Sie wendet sich oft ganz persönlich an die Leser*innen , bittet fast unterschwellig  um Verzeihung für die Zumutung der Schreckensbilder. Rimas Gedanken und Empfindungen  hat die Samar Yazbek mit viel Intuition, Vorsicht und fantastischen Wortgebilden geschildert. Auch die Hoffnung auf ein Ende der Bombenangriffe hat sie nicht vergessen.  Sie hat uns in das Innere der reinen , fast kindlichen Seele von Rima schauen lassen. 
Das Buch ist absolut lesenswert, nicht im Sinne von Wohlgefallen und Erheiterung. Es rüttelt auf, stellt sich mit seinen Worten gegen jede Gewalt von Menschen und ihren Kriegsgeräten, jede Auseinandersetzung. 
Es ist ein Aufruf Mitmenschlichkeit, Güte und Friedensbemühungen  an die oberste Stelle unseres Handelns und  das Bewerten von Situationen zu stellen. 

FÜNF***** STERNE

Vielen Dank an die Autorin und den Unionsverlag, C.H.Beck Verlag,  für die Zusendung des gebundenen Rezensionsexemplar.

 

INHALT/KLAPPENTEXT: 
Die junge Rima liebt ihr Damaskus. Am meisten liebt sie die Bibliothek, in der sie lauter Wunder erwarten: der kleine Prinz mit seinen ewigen Sonnenaufgängen oder Alice mit ihrem Sturz ins Wunderland. Rima sehnt sich danach, eigene Abenteuer zu erleben, dem Willen ihrer Füße zu folgen. Doch ihre Mutter hält sie fest. Bis zu dem Tag, an dem ihr Bus an einem der neuen Checkpoints aufgehalten wird, und Rimas Welt zerfällt.

Zwischen Detonationen und der Angst der anderen findet Rima Zuflucht in ihrer Fantasie, den Farben ihrer Buntstifte und ihrer ganz eigenen Sprache, in der sie Wort für Wort ihre Geschichte festhält.

In dem Verlangen, die Wunden, die ein Krieg schlägt, zu erfassen, stellt uns Samar Yazbek eine ungewöhnliche Heldin an die Seite: ein Mädchen, das sich fortschreibt.

Samar Yazbek wurde 1970 in dem syrischen Küstenort Dschabla geboren und entstammt der syrischen Oberschicht. Mit 17 Jahren brach sie mit ihrer Familie und heiratete ohne deren Zustimmung. Nach kurzer Zeit ließ sie sich wieder scheiden. Sie studierte arabische Literatur, engagiert sich für Bürgerrechte und die Rechte der Frauen und arbeitet als Fernsehreporterin, Journalistin und Schriftstellerin. Sie war zudem Herausgeberin der Onlinezeitschrift Woman of Syria und Autorin der Gruppe Beirut 39.

Während der Revolution 2011 verfasste Samar Yazbek Reportagen zum Aufstand gegen das Regime, dokumentierte das Geschehen und interviewte Demonstranten, Aktivisten im Untergrund, Polizisten sowie Militärs. Daraus entstand das Werk Schrei nach Freiheit. Bericht aus dem Inneren der syrischen Revolution, das im Frühling 2012 auch auf Deutsch veröffentlicht wurde. Ende 2011 musste sie zusammen mit ihrer Tochter vor dem syrischen Geheimdienst aus Damaskus fliehen und lebt seither in Paris. Für ihr Werk erhielt sie den PEN Pinter Preis, den Tucholsky Preis, den PEN Oxfam Novib Preis und den Prix du Meilleur Livre Étranger. Ihre Romane waren außerdem nominiert für den Prix Médicis, den Prix Femina und den National Book Award 2021.